Nichts essen, was Augen hat
von Sabine Bode
In meiner Kindheit in den fünfziger Jahren rochen die Hausflure auf
verläßliche Weise: sonntags nach Bratensoße, freitags nach Fisch. Fleisch gab es
in der Regel nur am Wochenende. Bei den Besserverdienenden allerdings bekam der
Hausherr auch wochentags sein Kotelett, als einziger der Familie, während man
die Kinder mit Möhrengemüse oder Milchreis abspeiste. Verständnisvoll nickten
die Kleinen, wenn Mutter behauptete, daß Fleisch im Grunde nicht dem
Kindergeschmack entspreche, genau so wenig wie Spargel oder ähnliche feine
Gemüse. Dabei wurden kindliche Proteste gegen schwabbelige Eisbeinschwarte und
Sauerkraut ignoriert. Eisbein und Sauerkraut waren nahrhaft, billig und gut zu
konservieren. Da hieß es: „Unser Hänschen braucht das, damit er groß und stark
wird.“ Den Eltern saßen eben noch die Hungerjahre nach Kriegsende in den
Knochen. Und so galt die Regel: "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt".
Schluß. Keine Widerworte.
Seitdem hat sich in den Familien vieles geändert. Mehr Verständnis für
Kinder, mehr Wissen, vor allem Fernsehwissen, auch mehr Fleisch. Nahezu täglich
kommt es auf den Tisch, - auch wenn es derzeit seltener vom Rind stammt. Das
Lebensmittelangebot ist riesig und für jedermann erschwinglich. Man kriegt also
seine Kinder satt, ohne sie mit widerlichen Gerichten zu quälen.
Was der kleine Leon nicht mag, das muß er auch nicht essen. Sein
Kinderparadies wäre perfekt, ließen ihn die Eltern nur noch das essen, was er am
liebsten mag. Aber so etwas lassen verantwortungsbewußte Mütter und Väter nicht
zu. Gesunde Ernährung muß sein.
Nur: Was ist gesunde Ernährung? Darüber wird gerätselt, seit Rinderwahn und
die Enthüllungen über die Praktiken der Massentierzucht dem Bürger so gründlich
auf den Magen geschlagen sind. Ratlosigkeit, wohin man schaut.
Nur die Vegetarier haben es gut. Sie, die Fleischverzichter, haben ihre
Entscheidung getroffen. Sie müssen nicht dastehen und sich blöd vorkommen, weil
sie ihren Kind nicht mehr erklären können, was gesund ist, und was nicht, und
wie sie es schaffen, noch Fleisch zu essen, obwohl der menschliche und
maschinelle Umgang mit Vieh so ungeheuer brutal ist.
Vegetarier führten im Abendland stets ein Schattendasein. In der Geschichte
sind sie nie so richtig rausgekommen. Schon die Liste der Prominenten, deren
Namen in diesem Zusammenhang fallen, läßt vermuten, daß es sich keinesfalls um
eine homogene Gruppe handeln kann: Albert Einstein, Adolf Hitler, Leo Tolstoi,
Albert Schweizer, Brigitte Bardot.
In jener Zeit, als man in den Hausfluren noch den Freitag riechen konnte,
hatte ich meine erste persönliche Begegnung mit einer Vegetarierin. Es war
unsere Biologielehrerin, die aus ihrer Weltanschauung kein Geheimnis machte. Im
Gegenteil. Ihr Äußeres wies sie bereits als Bewohnerin einer befremdlichen
Geisteszone aus. Sie trug einen Dutt, grobe Wollstrümpfe und Gesundheitsschuhe.
Dennoch sah sie ungesund aus. Von Lebensfreude keine Spur. Sie sprach in einem
monotonen Singsang und regierte die Klasse unbarmherzig, indem sie jede
Unterrichtsstunde zu einer Prüfung machte. Selbst die guten Schüler hatten
Angst, aufgerufen zu werden, da Frau Doktor - denn promoviert hatte sie
auch noch - jede Antwort strengstens bewertete und die Note in ein schwarzes
Büchlein eintrug.
Von Pädagogik hatte sie soviel Ahnung wie ein Frosch. Aber ihr Fachwissen war
enorm, und – wie ich erst als Erwachsene begriff – sie besaß das, was in den
siebziger Jahren als ökologisches Bewußtsein auftauchte. Zu diesem Zeitpunkt
hatte ich viele andere Vegetariern kennengelernt – überwiegend nette,
vernünftige Leute. Über die Frage, ob sie moralisch höherwertig seien, hätten
sie nur gelacht. Herausragende Wesenszüge konnte ich bei ihnen genauso wenig
entdecken wie bei Linkshändern.
Für diese Lehrerin aber war es eine Selbstverständlichkeit, daß Vegetarier
die besseren Menschen sind. Mit dieser Ansicht stand sie ziemlich allein da.
Ihre Versuche, uns Schüler in Richtung Fleischverzicht zu missionieren, zählten
später bei unseren Klassentreffen zu den beliebtesten Lachnummern, und so blieb
auch der Singsang ihrer Stimme noch lange erhalten.
Vegetarier hat es schon immer gegeben. Wo anfangen? Bei Adam und Eva?
Warum nicht. Bekanntlich lebten sie im Paradies friedlich mit den Tieren
zusammen. Sie konnten sich sogar mit ihnen unterhalten, wie der unheilvolle
Dialog mit der Schlange beweist. Schon deshalb ist es unwahrscheinlich, daß Adam
und Eva Fleischfresser waren. Fast jeder Mensch hat Hemmungen, ein Wesen zu
töten, das ihm kurz zuvor einen „Guten Tag“ gewünscht hat.
Gottes Anweisungen im Paradies enthielten nichts über das Schlachten. Nur
einmal äußerte er sich zum Thema Ernährung. Er sagte zum Menschen: “Du darfst
von allen Bäumen des Gartens essen, nur nicht von dem Baum, dessen Früchte
umfassendes Wissen verleihen“.
Auch was danach kam, ist allgemein bekannt. Die ersten Menschen setzten sich
über Gottes Verbot hinweg, sie wurden ertappt und als Strafe aus dem Paradies
vertrieben. Und schon ging es mit dem Schlachten los. Wäre Gott jemand, der
besonders wohlgefällig auf Vegetarier hinabschaut, dann wäre die nun folgende
Geschichte vom Brudermord in wesentlichen Details genau entgegengesetzt erzählt
worden. Ich möchte das nicht weiter ausschmücken, weil es nur Verwirrung stiften
würde, sondern mich auf die Urversion beschränken, so, wie sie im Alten
Testament steht: Der Schäfer Abel tötete ein Lämmchen, und bot Gott die besten
Fleischstücke dar. Sein Bruder Kain, von Beruf Bauer, opferte Früchte des
Feldes, wie es in der Genesis heißt, und fiel damit bei Gott durch. Warum? Die
Bibel äußerst sich hier ungenau. Man kann die Gründe nur vermuten. Bei Kain
steht nicht explizit, daß er sich um besondere Qualität bemühte. Daraus kann man
folgern, daß er Gott eben nicht das Beste hatte opfern wollen.
Die Bibel kümmert sich nicht um Vegetarier. Da die Urväter Viehzüchter
waren, verstehen sich ihre Eßgewohnheiten eigentlich von selbst. Jesus
schließlich, der Zimmermann aus Nazareth, liebte einen guten Wein und dazu
Lammbraten. Der erste namhafte Vegetarier war der griechische Philosoph
Plutarch, der im Jahre 50 nach Christus geboren wurde. Er schrieb dazu an einen
Freund:
„Du fragst mich, warum ich kein Fleisch essen will. Ich für meinen Teil bin
erstaunt, daß du den Leichnam eines toten Tieres in den Mund nehmen kannst und
es nicht ekelhaft findest, gehacktes Fleisch zu kauen und die Körpersäfte von
tödlichen Wunden hinunterzuschlucken.“
Ein Vegetarier, der in die frühe Kirchengeschichte einging, war der Heilige
Hieronymus. Er lebte im vierten Jahrhundert als Einsiedler in Syrien. Später
wurde er Ratgeber des Bischofs Damasus in Rom. Seine weitere Karriere führte ihn
nach Bethlehem, wo er dem Mönchtum entscheidende Impulse gab. Hieronymus war
also ein ranghoher Kirchenvater, der in dieser Etage als Vegetarier eine
singuläre Erscheinung blieb. Auf Gemälden wird der Heilige stets mit einem Löwen
dargestellt, den er der Legende nach durch Barmherzigkeit zähmte und schließlich
dazu brachte, auf Pflanzenkost umzustellen.
Man könnte hier noch weitere Namen aufzählen, aber sie führen nirgendwohin,
denn eine nennenswerte christliche Vegetarierbewegung hat es nicht gegeben. Es
waren vor allem antikirchlich gesinnte Freidenker, die sich davon zu Beginn des
20. Jahrhunderts angesprochen fühlten, was schließlich in eine Bewegung mündete,
die sich „Lebensreform“ nannte. Die Lebensreformer waren Teil einer überaus
bunten Mischung von Utopisten. Zu ihnen gehörten ultralinke
Revolutionstheoretiker, esoterische Schwärmer, elitäre Bohemiens und reichlich
verwirrte Weltverbesserer. Letztere entwickelten Ideen, derer sich später gern
die Nazis bedienten.
Es gab aber auch hervorragende Künstler, Pädagogen und Ärzte. Der gemeinsamer
Grundtenor war das Bedürfnis nach einer "natürlichen und bewußten Lebensweise".
Man befürwortete in Abgrenzung zu Kommunismus und Kapitalismus den dritten Weg,
die Bodenreform. Treffpunkt war Ascona am Lago Maggiore. Hier kamen sie alle
zusammen - begeisterungsfähige und idealistische Europäer, die sich über linke
politische Visionen, Kunst, Naturheilkunde, die Frauenbewegung, gesunde
Ernährung und Freikörperkultur die Köpfe heiß redeten. Aus der „Lebensrefrom“
entwickelten sich viele, heute noch aktive vegetarische Gruppen, darunter die
Deutsche Reform-Jugend, die sich eine gesunde und naturgemäße Lebensführung mit
vegetarischer Vollwertkost, ohne Alkohol, ohne Nikotin, auf ihre Fahnen
geschrieben hat - wie im Internet nachzulesen ist.
Auch unsere Reformhäuser entstanden in Folge dieser wilden Jahre in Ascona.
In der deutschen Bürgerswelt des wilhelmischen Zeitalters waren ausgefallene
oder gar radikale Ideen noch verpönter als heute. Für so manche Eltern bedeutete
es demnach eine gesellschaftliche Katastrophe, wenn ihre herangewachsenen
Söhne sich in Ascona auf dem Monte Verità – dem Berg der Wahrheit - inspirieren
ließen. Waren es gar die Töchter, die sich der neuen Bewegung anschlossen, wurde
von „Schande“ und „Skandal“ geredet. Denn womit sich ein ordentlicher deutscher
Stammtisch immer wieder gern beschäftigte, das waren Gerüchte über junge Damen,
die auf dem Monte Verità hingebungsvolle Tänze darbrachten, mit nichts als einem
Schleier und dem Mondlicht bekleidet.
Die politischen, sozialen und spirituellen Visionen der Lebensreform wurden
am Stammtisch nur selten diskutiert. Meistens tat man sie als Spinnereien ab.
Heute fällt das Urteil weit differenzierter aus. Was in Ascona diskutiert wurde,
waren unter anderem die ersten Konzepte für einen schonenden Umgang mit der
Natur. Man könnte also von einer sehr frühen ökologischen Bewegung sprechen. Das
Besondere scheint mir zu sein, daß nicht gesundheitliche Erwägungen oder Mitleid
mit dem Tier den Fleischverzicht begründete, sondern der Wunsch, alles Lebende
zu schützen. Und dazu gehörte, daß man keine Tiere tötete. Man könnte sagen:
diese Vegetarier waren zwar der Kirche fern, aber durchaus nicht jenen
biblischen Gedanken, wonach es zur Menschenwürde gehört, daß der Mensch für die
Würde der ganzen Schöpfung mitverantwortlich ist.
Es entwickelte sich also eine Haltung, die mit dem verwandt ist, was man
heute vielleicht „Schöpfungsethik“ nennen würde, wofür Begriffe stehen wie „Die
Einheit des Lebendigen“ und die „Die Ehrfurcht vor allem Lebendigem“.
Ganz gewiß hatten die Lebensreformer in Ascona Kenntnis von jenem Bestseller,
der 1906 in Amerika Furore machte. Er hieß „Der Dschungel“ und brachte seine
Leser zum erbrechen. In dem Tatsachenroman beschrieb der Autor Upton Sinclair
völlig realistisch die fehlende Hygiene und den infernalischen Gestank in den
Schlachthöfen von Chicago. Es war das erste mal, daß ein Romanautor sich mit der
industriellen Massentötung und der Fleischverarbeitung am Fließband beschäftigte
und somit die für Mensch und Tier unerträglichen Bedingungen anprangerte. Nach
Erscheinen dieses Buches brach der Fleischmarkt in den USA und Europa zusammen,
allerdings nur kurze Zeit, was Upton Sinclar mit den Worten kommentierte:
"Ich zielte auf die Herzen der Menschen, aber ich traf sie nur in ihren
Mägen".
Auch dem Theologen, Arzt und Musiker Albert Schweitzer war es Zeit seines
langen aktiven Lebens wichtig, ihm Rahmen seiner fundierten Äußerungen zu
ethischen Fragen auch die Achtung vor dem Tier hochzuhalten und sich offen als
Vegetarier zu bekennen. Der Nachkriegsgesellschaft der Fünfziger galt er als
großes Vorbild für eine allgemein gültige menschliche Gesinnung, weshalb ihm
1952 der Friedensnobelpreis umgehängt wurde. In der Tierfrage allerdings blieb
das Echo aus.
Für den Christen Albert Schweitzer muß es zeitlebens eine Enttäuschung
gewesen sein, daß sich die Kirchen, was den Umgang mit Nutztieren anging, so
zurückhaltend äußerten. Genauso wenig bestand bei den Theologen ein Interesse an
der Frage, wie eine vegetarische Lebenshaltung im christlichen Sinne zu bewerten
sei. Soviel Gleichgültigkeit ist eigentlich nicht zu begreifen, zumal für
Katholiken der Fleischverzicht selbst nichts Neues war, auch wenn er bei ihnen
nur am Freitag und während der Fastenzeit praktiziert wurde. Hätte es nicht
anregend sein können, Parallelen und Unterschiede herauszufinden und auf ihren
ethischen Gehalt hin zu untersuchen?
Fünfzig Jahre später wird diese Frage gelegentlich gestellt. Theologische
Brachflächen sind aufgefallen, und in christlichen Publikationen wird nach
Gründen für das Desinteresse gesucht. In einem Beitrag mit dem Titel:
„Vegetarismus als ethisches Problem“ las ich kürzlich den fettgedruckten Satz:
„Die Massentierhaltung liegt außerhalb des biblischen Horizonts.“ Das klingt
erst mal beeindruckend, und es ist natürlich auch richtig. Biblische Worte über
den richtigen Umgang mit Tieren sind rar. Daß man das Vieh nicht mißhandelte, da
davon die Existenz eines Nomandenvolks abhing, verstand sich eigentlich von
selbst. Der Autor lieferte eine Fülle von Zitaten, die genau das bestätigten –
aber ich selbst kam nicht los von diesem pompösen Satz: Die Massentierhaltung
liegt außerhalb des biblischen Horizonts.
Na und? Welche Errungenschaften und Fähigkeiten, die heute ethische
Positionen verlangen, kommen in der Bibel vor? Die Organtransplantation? Die
Gerätemedizin? Die Atomindustrie? Das Klonen von Tieren und Menschen?
Ich persönlich glaube, die Kirchen haben sich deshalb nicht für den
Vegetarismus interessiert, weil sie sich grundsätzlich nur ungern mit Strömungen
beschäftigen, die außerhalb ihrer Mauern gewachsen sind – zumal, wenn sie
politisch keine Kraft haben.
Ohne Frage haben sich die Kirchen im Tierschutz stark engagiert und dazu
beigetragen, daß im Gesetz das Tier als „Mitgeschöpf“ bezeichnet wird. Gereicht
hat das nicht. Wo blieb ihre moralische Unterstützung, als kleine, militante
Gruppen in der Vergangenheit gegen die Quälerei durch Tiertransporte und
Tierversuche protestierten? Wie glaubwürdig sind die Stellungnahmen von
Bischöfen heute, da ihr Entsetzen über die millionenfache ganz alltägliche
Tiermißhandlung von neunzig Prozent der Bevölkerung geteilt wird?
Es ist ja nicht so, daß die allgemeine Ahnungslosigkeit, wie sie heute
sichtbar wird, natürlichen Gesetzen unterlag, die man hätte hinnehmen müssen,
wie das Wetter. Immer wieder hat es im Fernsehen Dokumentationen zum Thema
gegeben, aber sie wurden nicht zur Hauptsendezeit sondern gegen Mitternacht
ausgestrahlt. Interessanterweise haben alle Vegetarier, mit denen ich in den
vergangenen Monaten sprach, über das Ausmaß der Tierquälerei Bescheid gewußt.
Ihnen sind die Beiträge in den Programmzeitschriften ins Augen gesprungen.
Die wichtigen Fragen heißen heute:
Was können wir guten Gewissens essen?
Wie wollen wir leben?
Welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern und unseren Enkeln?
Wenn nicht die Kirchen und nicht das öffentlich rechtliche Fernsehen die
Bevölkerung immer wieder mit diesen Fragen konfrontieren – und zwar so, daß man
ihnen nicht ausweichen kann - wer wird es sonst tun?
Besitzen die kirchlichen Vertreter in den Rundfunkbeiräten so wenig
Überzeugungskraft, daß sie ein gesellschaftliches Tabu solange mittragen müssen,
bis es aufplatzt wie ein eiterndes Geschwür? Haben die öffentlich rechtlichen
Sender nicht den gesetzlichen Auftrag, ihre Zuschauer in ethischen Fragen
umfassend zu informieren?
1987 verschickte der Hörfunkdirektor einer großen Sendeanstalt an alle
Redaktionen ein bemerkenswertes Schreiben. Darin stand, ihm sei ein Tabu
aufgefallen. Das Thema AIDS tauche im Programm nirgendwo auf. Dies müsse sich
ändern.
Und es änderte sich. Nur wenige Monate dauerte es, bis man eine beachtliche
Zahl vielfältiger Beiträge recherchiert, produziert und ausgestrahlt hatte. Zur
besten Sendezeit.
In Sachen Fleischproduktion hat es ein derartiges Schreiben nicht gegeben.
Nun, da die Beschäftigung mit BSE das Leid der Nutztiere sowie die
ekelhaftesten Details in Tierfutter und Wurstwaren einer großen Öffentlichkeit
bekannt gemacht hat, wird deutlich, daß die Bevölkerung bis dahin recht
gemütlich in einer Bewußtseinsspaltung lebte: Auf der eine Seite die liebevolle
Fürsorge für die Haustiere, auf der anderen Seite das Vieh als angeblich
gefühllose Masse und Ware, worüber man sich keine Gedanken machen mußte, solange
das Geschehen unsichtbar blieb.
In jüngster Zeit hat jemand uns Europäer mit den alten Römern verglichen. So
wie wir unterscheiden zwischen den Tieren, die wir streicheln und verwöhnen und
solchen, deren elendes Leben wir zulassen, so täschelte und hätschelte der
wohlhabende römische Händler seine Haussklaven, während die Galeerensklaven zu
seinem Reichtum beitrugen. Gewiß hat auch er nicht wissen wollen, was genau sich
auf den Galeeren abspielte.
Offenbar reichen allgemeine Tierliebe und unsere Gesetze nicht aus, um die
große Mehrheit der Abermillionen Rinder, Schweine, Schafe und Hennen zu
schützen. Ob das Vieh artgerecht gehalten wird oder nicht, ob gesunde Rinder
hunderttausendfach getötet werden oder nicht, darüber entscheiden die Gesetze
des Marktes oder irgendwelche Zwischenfälle und Zufälle. So findet die geplante
Massenkeulung derzeit nur deshalb nicht statt, weil Maßnahmen im Zusammenhang
mit der Maul- und Klauenseuche den Sammeltransport von Kühen verbieten.
Wie soll man das alles seinen Kindern erklären?
Kann man ihnen begreiflich machen, daß es in unserer Gesellschaft nötig ist,
so und nicht anders mit dem Vieh umzugehen?
Noch immer sind Eltern verunsichert. Noch immer ist da der Verbraucher, der
nur zögernd zum Rindfleisch zurückfindet, jene Fernsehbilder im Kopf, die ihm
das gute Gewissen nahmen. Noch immer meldet sich Brechreiz, wenn er daran denkt,
was alles Bestandteil von Futtermehl sein konnte: Katzeköpfe, Klarschlämm,
Exkremente, Verpackungsmüll.
Wie soll er das alles seinen Kindern erklären?
Von ihnen kommen Fragen. Immer wieder Fragen.
Tierliebe und Fleischkonsum ist zum Familienthema geworden, und das ist das
Beste, was in dieser verfahrenen Lage noch zu sagen ist. Anders als bei
Atomenergie oder Biotechnik versteht hier jedes Kind, worum es geht. Es sind
leicht nachvollziehbare Abläufe, wie die Nahrungskette zum Beispiel. Daß der
Mensch, wenn er Fleisch verzehrt, ein Teil dessen verspeist, wodurch sich das
Tier ernährt hat, ist für einen Erstklässler schon kein Geheimnis mehr. Nun
aber, dank der gräßlichen Fernsehbilder, der entsetzten Reaktion seiner Eltern
und dank seines beharrlichen Nachfragens hat er etwas begriffen, worauf
kleine Kinder ohne Anleitung nicht kommen: daß nämlich der in weichem Brot
versteckte Hamburger und in Folie verpackte Würstchen ehemals Teile von
lebendigen Tieres waren.
Eine der Folgen ist, das viele Kinder kein Fleisch mehr mögen. Allenfalls mit
Fischstäbchen, behaupten Mütter, ließen sich ihre Jüngsten noch eine Weile
täuschen.
Was tun, wenn man plötzlich einen frischen Vegetarier am Tisch sitzen hat?
Mein Vorschlag: ein oder zwei altgediente Vegetarier hinzubitten. Aber setzen
Sie Ihren Gästen möglichst nicht Blumenkohl mit Spiegelei vor, denn dies war
lange Zeit ihr Standardessen in deutschen Provinzgasthöfen, bevor man ihre
Wünsche auch dort auf der Speisekarte berücksichtigte.
Wenn Vegetarier nicht missionieren wollen, wie meine Biologielehrerin es tat,
dann kann es ein anregendes Gespräch werden. Sie sind zwar nicht die besseren
Menschen, aber es sind Menschen mit interessanten Erfahrungen, die es lohnt,
kennenzulernen. Ihre Kochrezepte könnten Alternativen anbieten auf dem Weg, den
Fleischkonsum einzuschränken. In der Regel wissen sie viel über Ernährung,
Lebensmittelproduktion, Marktgesetze, und den sozialen Faktor Essen. Das Gute
ist, daß Erwachsene und Kinder Experten des Themas sind. Wenn es um
ethische Positionen geht, sind Kinder bekanntlich unbestechlich. Sie stellen die
treffsicheren Fragen.
Für sie sind rationale Rechtfertigungen nicht einleuchtend, wenn sie mit
ihrem Gerechtigkeitsgefühl oder ihrer Liebe zu Tieren kollidieren. Ich
vermute: Wenn wir Erwachsenen schon längst wieder zur Tagesordnung übergangenen
sind, wenn das Entsetzen aus dem Fernsehen und aus dem öffentlichen Bewußtsein
verschwunden ist, werden unsere Jüngsten noch lange mit den Fragen zu
beschäftigt sein: „Was können wir essen, ohne Tieren zu schaden?“ und „Wie gehen
wir mit unserem Vieh um?“ Sie haben die Horrorbilder für immer gespeichert.