Vegetarier (2002)

Nichts essen, was Augen hat

von Sabine Bode

In meiner Kindheit in den fünfziger Jahren rochen die Hausflure auf verläßliche Weise: sonntags nach Bratensoße, freitags nach Fisch. Fleisch gab es in der Regel nur am Wochenende. Bei den Besserverdienenden allerdings bekam der Hausherr auch wochentags sein Kotelett, als einziger der Familie, während man die Kinder mit Möhrengemüse oder Milchreis abspeiste. Verständnisvoll nickten die Kleinen, wenn Mutter behauptete, daß Fleisch im Grunde nicht dem Kindergeschmack entspreche, genau so wenig wie Spargel oder ähnliche feine Gemüse. Dabei wurden kindliche Proteste gegen schwabbelige Eisbeinschwarte und Sauerkraut ignoriert. Eisbein und Sauerkraut waren nahrhaft, billig und gut zu konservieren. Da hieß es: „Unser Hänschen braucht das, damit er groß und stark wird.“ Den Eltern saßen eben noch die Hungerjahre nach Kriegsende in den Knochen. Und so galt die Regel: "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt". Schluß. Keine Widerworte.

Seitdem hat sich in den Familien vieles geändert. Mehr Verständnis für Kinder, mehr Wissen, vor allem Fernsehwissen, auch mehr Fleisch. Nahezu täglich kommt es auf den Tisch, - auch wenn es derzeit seltener vom Rind stammt. Das Lebensmittelangebot ist riesig und für jedermann erschwinglich. Man kriegt also seine Kinder satt, ohne sie mit widerlichen Gerichten zu quälen.

Was der kleine Leon nicht mag, das muß er auch nicht essen. Sein Kinderparadies wäre perfekt, ließen ihn die Eltern nur noch das essen, was er am liebsten mag. Aber so etwas lassen verantwortungsbewußte Mütter und Väter nicht zu. Gesunde Ernährung muß sein.

Nur: Was ist gesunde Ernährung? Darüber wird gerätselt, seit Rinderwahn und die Enthüllungen über die Praktiken der Massentierzucht dem Bürger so gründlich auf den Magen geschlagen sind. Ratlosigkeit, wohin man schaut.

 

Nur die Vegetarier haben es gut. Sie, die Fleischverzichter, haben ihre Entscheidung getroffen. Sie müssen nicht dastehen und sich blöd vorkommen, weil sie ihren Kind nicht mehr erklären können, was gesund ist, und was nicht, und wie sie es schaffen, noch Fleisch zu essen, obwohl der menschliche und maschinelle Umgang mit Vieh so ungeheuer brutal ist.

Vegetarier führten im Abendland stets ein Schattendasein. In der Geschichte sind sie nie so richtig rausgekommen. Schon die Liste der Prominenten, deren Namen in diesem Zusammenhang fallen, läßt vermuten, daß es sich keinesfalls um eine homogene Gruppe handeln kann: Albert Einstein, Adolf Hitler, Leo Tolstoi, Albert Schweizer, Brigitte Bardot.

In jener Zeit, als man in den Hausfluren noch den Freitag riechen konnte, hatte ich meine erste persönliche Begegnung mit einer Vegetarierin. Es war unsere Biologielehrerin, die aus ihrer Weltanschauung kein Geheimnis machte. Im Gegenteil. Ihr Äußeres wies sie bereits als Bewohnerin einer befremdlichen Geisteszone aus. Sie trug einen Dutt, grobe Wollstrümpfe und Gesundheitsschuhe. Dennoch sah sie ungesund aus. Von Lebensfreude keine Spur. Sie sprach in einem monotonen Singsang und regierte die Klasse unbarmherzig, indem sie jede Unterrichtsstunde zu einer Prüfung machte. Selbst die guten Schüler hatten Angst, aufgerufen zu werden, da Frau Doktor  - denn promoviert hatte sie auch noch - jede Antwort strengstens bewertete und die Note in ein schwarzes Büchlein eintrug. 

Von Pädagogik hatte sie soviel Ahnung wie ein Frosch. Aber ihr Fachwissen war enorm, und – wie ich erst als Erwachsene begriff – sie besaß das, was in den siebziger Jahren als ökologisches Bewußtsein auftauchte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich viele andere Vegetariern kennengelernt – überwiegend nette, vernünftige Leute. Über die Frage, ob sie moralisch höherwertig seien, hätten sie nur gelacht. Herausragende Wesenszüge konnte ich bei ihnen genauso wenig entdecken wie bei Linkshändern.

Für diese Lehrerin aber war es eine Selbstverständlichkeit, daß Vegetarier die besseren Menschen sind. Mit dieser Ansicht stand sie ziemlich allein da. Ihre Versuche, uns Schüler in Richtung Fleischverzicht zu missionieren, zählten später bei unseren Klassentreffen zu den beliebtesten Lachnummern, und so blieb auch der Singsang ihrer Stimme noch lange erhalten.

 

Vegetarier hat es schon immer gegeben. Wo anfangen? Bei  Adam und Eva? Warum nicht. Bekanntlich lebten sie im Paradies friedlich mit den Tieren zusammen. Sie konnten sich sogar mit ihnen unterhalten, wie der unheilvolle Dialog mit der Schlange beweist. Schon deshalb ist es unwahrscheinlich, daß Adam und Eva Fleischfresser waren. Fast jeder Mensch hat Hemmungen, ein Wesen zu töten, das ihm kurz zuvor einen „Guten Tag“ gewünscht hat.

Gottes Anweisungen im Paradies enthielten nichts über das Schlachten. Nur einmal äußerte er sich zum Thema Ernährung. Er sagte zum Menschen: “Du darfst von allen Bäumen des Gartens essen, nur nicht von dem Baum, dessen Früchte umfassendes Wissen verleihen“.

Auch was danach kam, ist allgemein bekannt. Die ersten Menschen setzten sich über Gottes Verbot hinweg, sie wurden ertappt und als Strafe aus dem Paradies vertrieben. Und schon ging es mit dem Schlachten los. Wäre Gott jemand, der besonders wohlgefällig auf Vegetarier hinabschaut, dann wäre die nun folgende Geschichte vom Brudermord in wesentlichen Details genau entgegengesetzt erzählt worden. Ich möchte das nicht weiter ausschmücken, weil es nur Verwirrung stiften würde, sondern mich auf die Urversion beschränken, so, wie sie im Alten Testament steht: Der Schäfer Abel tötete ein Lämmchen, und bot Gott die besten Fleischstücke dar. Sein Bruder Kain, von Beruf Bauer, opferte Früchte des Feldes, wie es in der Genesis heißt, und fiel damit bei Gott durch. Warum? Die Bibel äußerst sich hier ungenau. Man kann die Gründe nur vermuten. Bei Kain steht nicht explizit, daß er sich um besondere Qualität bemühte. Daraus kann man folgern, daß er Gott eben nicht das Beste hatte opfern wollen.

Die Bibel kümmert sich nicht um Vegetarier. Da die Urväter  Viehzüchter waren, verstehen sich ihre Eßgewohnheiten eigentlich von selbst. Jesus schließlich, der Zimmermann aus Nazareth, liebte einen guten Wein und dazu Lammbraten. Der erste namhafte Vegetarier war der griechische Philosoph Plutarch, der im Jahre 50 nach Christus geboren wurde. Er schrieb dazu an einen Freund:

„Du fragst mich, warum ich kein Fleisch essen will. Ich für meinen Teil bin erstaunt, daß du den Leichnam eines toten Tieres in den Mund nehmen kannst und es nicht ekelhaft findest, gehacktes Fleisch zu kauen und die Körpersäfte von tödlichen Wunden hinunterzuschlucken.“

Ein Vegetarier, der in die frühe Kirchengeschichte einging, war der Heilige Hieronymus. Er lebte im vierten Jahrhundert als Einsiedler in Syrien. Später wurde er Ratgeber des Bischofs Damasus in Rom. Seine weitere Karriere führte ihn nach Bethlehem, wo er dem Mönchtum entscheidende Impulse gab. Hieronymus war also ein ranghoher Kirchenvater, der in dieser Etage als Vegetarier eine singuläre Erscheinung blieb. Auf Gemälden wird der Heilige stets mit einem Löwen dargestellt, den er der Legende nach durch Barmherzigkeit zähmte und schließlich dazu brachte, auf Pflanzenkost umzustellen.

Man könnte hier noch weitere Namen aufzählen, aber sie führen nirgendwohin, denn eine nennenswerte christliche Vegetarierbewegung hat es nicht gegeben. Es waren vor allem antikirchlich gesinnte Freidenker, die sich davon zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesprochen fühlten, was schließlich in eine Bewegung mündete, die sich „Lebensreform“ nannte. Die Lebensreformer waren Teil einer überaus bunten Mischung von Utopisten. Zu ihnen gehörten ultralinke Revolutionstheoretiker, esoterische Schwärmer, elitäre Bohemiens und reichlich verwirrte Weltverbesserer. Letztere entwickelten Ideen, derer sich später gern die Nazis bedienten.

Es gab aber auch hervorragende Künstler, Pädagogen und Ärzte. Der gemeinsamer Grundtenor war das Bedürfnis nach einer "natürlichen und bewußten Lebensweise". Man befürwortete in Abgrenzung zu Kommunismus und Kapitalismus den dritten Weg, die Bodenreform. Treffpunkt war Ascona am Lago Maggiore. Hier kamen sie alle zusammen - begeisterungsfähige und idealistische Europäer, die sich über linke politische Visionen, Kunst, Naturheilkunde, die Frauenbewegung, gesunde Ernährung und Freikörperkultur die Köpfe heiß redeten. Aus der „Lebensrefrom“ entwickelten sich viele, heute noch aktive vegetarische Gruppen, darunter die Deutsche Reform-Jugend, die sich eine gesunde und naturgemäße Lebensführung mit vegetarischer Vollwertkost, ohne Alkohol, ohne Nikotin, auf ihre Fahnen geschrieben hat - wie im Internet nachzulesen ist.

Auch unsere Reformhäuser entstanden in Folge dieser wilden Jahre in Ascona. In der deutschen Bürgerswelt des wilhelmischen Zeitalters waren ausgefallene oder gar radikale Ideen noch verpönter als heute. Für so manche Eltern bedeutete es demnach eine gesellschaftliche Katastrophe, wenn  ihre herangewachsenen Söhne sich in Ascona auf dem Monte Verità – dem Berg der Wahrheit - inspirieren ließen. Waren es gar die Töchter, die sich der neuen Bewegung anschlossen, wurde von „Schande“ und „Skandal“ geredet. Denn womit sich ein ordentlicher deutscher Stammtisch immer wieder gern beschäftigte, das waren Gerüchte über junge Damen, die auf dem Monte Verità hingebungsvolle Tänze darbrachten, mit nichts als einem Schleier und dem Mondlicht bekleidet.

Die politischen, sozialen und spirituellen Visionen der Lebensreform wurden am Stammtisch nur selten diskutiert. Meistens tat man sie als Spinnereien ab. Heute fällt das Urteil weit differenzierter aus. Was in Ascona diskutiert wurde, waren unter anderem die ersten Konzepte für einen schonenden Umgang mit der Natur. Man könnte also von einer sehr frühen ökologischen Bewegung sprechen. Das Besondere scheint mir zu sein, daß nicht gesundheitliche Erwägungen oder Mitleid mit dem Tier den Fleischverzicht begründete, sondern der Wunsch, alles Lebende zu schützen. Und dazu gehörte, daß man keine Tiere tötete. Man könnte sagen: diese Vegetarier waren zwar der Kirche fern, aber durchaus nicht jenen biblischen Gedanken, wonach es zur Menschenwürde gehört, daß der Mensch für die Würde der ganzen Schöpfung mitverantwortlich ist.

Es entwickelte sich also eine Haltung, die mit dem verwandt ist, was man heute vielleicht „Schöpfungsethik“ nennen würde, wofür Begriffe stehen wie „Die Einheit des Lebendigen“ und die „Die Ehrfurcht vor allem Lebendigem“.

Ganz gewiß hatten die Lebensreformer in Ascona Kenntnis von jenem Bestseller, der 1906 in Amerika Furore machte. Er hieß „Der Dschungel“ und brachte seine Leser zum erbrechen. In dem Tatsachenroman beschrieb der Autor Upton Sinclair völlig realistisch die fehlende Hygiene und den infernalischen Gestank in den Schlachthöfen von Chicago. Es war das erste mal, daß ein Romanautor sich mit der industriellen Massentötung und der Fleischverarbeitung am Fließband beschäftigte und somit die für Mensch und Tier unerträglichen Bedingungen anprangerte. Nach Erscheinen dieses Buches brach der Fleischmarkt in den USA und Europa zusammen, allerdings nur kurze Zeit, was Upton Sinclar mit den Worten kommentierte:

"Ich zielte auf die Herzen der Menschen, aber ich traf sie nur in ihren Mägen".

 

Auch dem Theologen, Arzt und Musiker Albert Schweitzer war es Zeit seines langen aktiven Lebens wichtig, ihm Rahmen seiner fundierten Äußerungen zu ethischen Fragen auch die Achtung vor dem Tier hochzuhalten und sich offen als Vegetarier zu bekennen. Der Nachkriegsgesellschaft der Fünfziger galt er als großes Vorbild für eine allgemein gültige menschliche Gesinnung, weshalb ihm 1952 der Friedensnobelpreis umgehängt wurde. In der Tierfrage allerdings blieb das Echo aus.

 

Für den Christen Albert Schweitzer muß es zeitlebens eine Enttäuschung gewesen sein, daß sich die Kirchen, was den Umgang mit Nutztieren anging, so zurückhaltend äußerten. Genauso wenig bestand bei den Theologen ein Interesse an der Frage, wie eine vegetarische Lebenshaltung im christlichen Sinne zu bewerten sei. Soviel Gleichgültigkeit ist eigentlich nicht zu begreifen, zumal für Katholiken der Fleischverzicht selbst nichts Neues war, auch wenn er bei ihnen nur am Freitag und während der Fastenzeit praktiziert wurde. Hätte es nicht anregend sein können, Parallelen und Unterschiede herauszufinden und auf ihren ethischen Gehalt hin zu untersuchen?

Fünfzig Jahre später wird diese Frage gelegentlich gestellt. Theologische Brachflächen sind aufgefallen, und in christlichen Publikationen wird nach Gründen für das Desinteresse gesucht. In einem Beitrag mit dem Titel: „Vegetarismus als ethisches Problem“ las ich kürzlich den fettgedruckten Satz: „Die Massentierhaltung liegt außerhalb des biblischen Horizonts.“ Das klingt erst mal beeindruckend, und es ist natürlich auch richtig. Biblische Worte über den richtigen Umgang mit Tieren sind rar. Daß man das Vieh nicht mißhandelte, da davon die Existenz eines Nomandenvolks abhing, verstand sich eigentlich von selbst. Der Autor lieferte eine Fülle von Zitaten, die genau das bestätigten – aber ich selbst kam nicht los von diesem pompösen Satz: Die Massentierhaltung liegt außerhalb des biblischen Horizonts.

Na und? Welche Errungenschaften und Fähigkeiten, die heute ethische Positionen verlangen, kommen in der Bibel vor? Die Organtransplantation? Die Gerätemedizin? Die Atomindustrie? Das Klonen von Tieren und Menschen?

Ich persönlich glaube, die Kirchen haben sich deshalb nicht für den Vegetarismus interessiert, weil sie sich grundsätzlich nur ungern mit Strömungen beschäftigen, die außerhalb ihrer Mauern gewachsen sind – zumal, wenn sie politisch keine Kraft haben.

Ohne Frage haben sich die Kirchen im Tierschutz stark engagiert und dazu beigetragen, daß im Gesetz das Tier als „Mitgeschöpf“ bezeichnet wird. Gereicht hat das nicht. Wo blieb ihre moralische Unterstützung, als kleine, militante Gruppen in der Vergangenheit gegen die Quälerei durch Tiertransporte und Tierversuche protestierten? Wie glaubwürdig sind die Stellungnahmen von Bischöfen heute, da ihr Entsetzen über die millionenfache ganz alltägliche Tiermißhandlung von neunzig Prozent der Bevölkerung geteilt wird?

Es ist ja nicht so, daß die allgemeine Ahnungslosigkeit, wie sie heute sichtbar wird, natürlichen Gesetzen unterlag, die man hätte hinnehmen müssen, wie das Wetter. Immer wieder hat es im Fernsehen Dokumentationen zum Thema gegeben, aber sie wurden nicht zur Hauptsendezeit sondern gegen Mitternacht ausgestrahlt. Interessanterweise haben alle Vegetarier, mit denen ich in den vergangenen Monaten sprach, über das Ausmaß der Tierquälerei Bescheid gewußt. Ihnen sind die Beiträge in den Programmzeitschriften ins Augen gesprungen.

Die wichtigen Fragen heißen heute:

Was können wir guten Gewissens essen?

Wie wollen wir leben?

Welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern und unseren Enkeln?

Wenn nicht die Kirchen und nicht das öffentlich rechtliche Fernsehen die Bevölkerung immer wieder mit diesen Fragen konfrontieren – und zwar so, daß man ihnen nicht ausweichen kann - wer wird es sonst tun?

Besitzen die kirchlichen Vertreter in den Rundfunkbeiräten so wenig Überzeugungskraft, daß sie ein gesellschaftliches Tabu solange mittragen müssen, bis es aufplatzt wie ein eiterndes Geschwür? Haben die öffentlich rechtlichen Sender nicht den gesetzlichen Auftrag, ihre Zuschauer in ethischen Fragen umfassend zu informieren?

1987 verschickte der Hörfunkdirektor einer großen Sendeanstalt an alle Redaktionen ein bemerkenswertes Schreiben. Darin stand, ihm sei ein Tabu aufgefallen. Das Thema AIDS tauche im Programm nirgendwo auf. Dies müsse sich ändern.

Und es änderte sich. Nur wenige Monate dauerte es, bis man eine beachtliche Zahl vielfältiger Beiträge recherchiert, produziert und ausgestrahlt hatte. Zur besten Sendezeit.

In Sachen Fleischproduktion hat es ein derartiges Schreiben nicht gegeben.

Nun, da die Beschäftigung mit BSE das Leid der Nutztiere sowie die ekelhaftesten Details in Tierfutter und Wurstwaren einer großen Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, wird deutlich, daß die Bevölkerung bis dahin recht gemütlich in einer Bewußtseinsspaltung lebte: Auf der eine Seite die liebevolle Fürsorge für die Haustiere, auf der anderen Seite das Vieh als angeblich gefühllose Masse und Ware, worüber man sich keine Gedanken machen mußte, solange das Geschehen unsichtbar blieb.

In jüngster Zeit hat jemand uns Europäer mit den alten Römern verglichen. So wie wir unterscheiden zwischen den Tieren, die wir streicheln und verwöhnen und solchen, deren elendes Leben wir zulassen, so täschelte und hätschelte der wohlhabende römische Händler seine Haussklaven, während die Galeerensklaven zu seinem Reichtum beitrugen. Gewiß hat auch er nicht wissen wollen, was genau sich auf den Galeeren abspielte.

 

Offenbar reichen allgemeine Tierliebe und unsere Gesetze nicht aus, um die große Mehrheit der Abermillionen Rinder, Schweine, Schafe und Hennen zu schützen. Ob das Vieh artgerecht gehalten wird oder nicht, ob gesunde Rinder hunderttausendfach getötet werden oder nicht, darüber entscheiden die Gesetze des Marktes oder irgendwelche Zwischenfälle und Zufälle. So findet die geplante Massenkeulung derzeit nur deshalb nicht statt, weil Maßnahmen im Zusammenhang mit der Maul- und Klauenseuche den Sammeltransport von Kühen verbieten.

Wie soll man das alles seinen Kindern erklären?

Kann man ihnen begreiflich machen, daß es in unserer Gesellschaft nötig ist, so und nicht anders mit  dem Vieh umzugehen?

Noch immer sind Eltern verunsichert. Noch immer ist da der Verbraucher, der nur zögernd zum Rindfleisch zurückfindet, jene Fernsehbilder im Kopf, die ihm das gute Gewissen nahmen. Noch immer meldet sich Brechreiz, wenn er daran denkt, was alles Bestandteil von Futtermehl sein konnte: Katzeköpfe, Klarschlämm, Exkremente, Verpackungsmüll.

Wie soll er das alles seinen Kindern erklären?

Von ihnen kommen Fragen. Immer wieder Fragen.

Tierliebe und Fleischkonsum ist zum Familienthema geworden, und das ist das Beste, was in dieser verfahrenen Lage noch zu sagen ist. Anders als bei Atomenergie oder Biotechnik versteht hier jedes Kind, worum es geht. Es sind leicht nachvollziehbare Abläufe, wie die Nahrungskette zum Beispiel. Daß der Mensch, wenn er Fleisch verzehrt, ein Teil dessen verspeist, wodurch sich das Tier ernährt hat, ist für einen Erstklässler schon kein Geheimnis mehr. Nun aber, dank der gräßlichen Fernsehbilder, der entsetzten Reaktion seiner Eltern und dank seines beharrlichen Nachfragens hat er etwas begriffen, worauf  kleine Kinder ohne Anleitung nicht kommen: daß nämlich der in weichem Brot versteckte Hamburger und in Folie verpackte Würstchen ehemals Teile von lebendigen Tieres waren.

Eine der Folgen ist, das viele Kinder kein Fleisch mehr mögen. Allenfalls mit Fischstäbchen, behaupten Mütter, ließen sich ihre Jüngsten noch eine Weile täuschen.

Was tun, wenn man plötzlich einen frischen Vegetarier am Tisch sitzen hat?

Mein Vorschlag: ein oder zwei altgediente Vegetarier hinzubitten. Aber setzen Sie Ihren Gästen möglichst nicht Blumenkohl mit Spiegelei vor, denn dies war lange Zeit ihr Standardessen in deutschen Provinzgasthöfen, bevor man ihre Wünsche auch dort auf der Speisekarte berücksichtigte.

Wenn Vegetarier nicht missionieren wollen, wie meine Biologielehrerin es tat, dann kann es ein anregendes Gespräch werden. Sie sind zwar nicht die besseren Menschen, aber es sind Menschen mit interessanten Erfahrungen, die es lohnt, kennenzulernen. Ihre Kochrezepte könnten Alternativen anbieten auf dem Weg, den Fleischkonsum einzuschränken. In der Regel wissen sie viel über Ernährung, Lebensmittelproduktion, Marktgesetze, und den sozialen Faktor Essen. Das Gute ist, daß Erwachsene und Kinder Experten des Themas sind. Wenn es um ethische Positionen geht, sind Kinder bekanntlich unbestechlich. Sie stellen die treffsicheren Fragen.

Für sie sind rationale Rechtfertigungen nicht einleuchtend, wenn sie mit ihrem Gerechtigkeitsgefühl oder ihrer Liebe zu Tieren kollidieren.  Ich vermute: Wenn wir Erwachsenen schon längst wieder zur Tagesordnung übergangenen sind, wenn das Entsetzen aus dem Fernsehen und aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden ist, werden unsere Jüngsten noch lange mit  den Fragen zu beschäftigt sein: „Was können wir essen, ohne Tieren zu schaden?“ und „Wie gehen wir mit unserem Vieh um?“ Sie haben die Horrorbilder für immer gespeichert.



Letzte Aktualisierung am 18.04.2009