Der Deutschland-Reflex
von Sabine Bode
Wehmütig schauen wir zurück auf den Sommer. Party is over. Die große Party
Fußballweltmeisterschaft. Jürgen Klinsmann ist nicht Bundeskanzler und wird es
nie werden. Selbst der Nationalmannschaft kehrte er den Rücken. An wen sollen
wir uns jetzt halten? Der deutsche Alltag hat uns wieder, mit all seinen
zuverlässig trüben Zukunftsaussichten – allem voran die drohenden
Preissteigerungen durch die Mehrwertsteuererhöhung.
Werden Katastrophen auf uns zukommen, oder werden sie herbeigeredet? Was
geschieht, wenn sich die Kaufkraft um einige Prozente verringert? Wird die große
Mehrheit deshalb verarmen? Oder ist nicht wahrscheinlicher, dass nur die Bürger
mit geringem Einkommen und kleinen Renten die Leidtragenden sind? Und muss
Letzteres überhaupt so weit kommen?
Landauf, landab ist das sommerliche unverkrampfte Nationalgefühl gepriesen
worden. Die frohe Botschaft: Wir Deutschen wissen endlich, dass wir in der Welt
beliebt sind. Wir Deutschen halten wieder zusammen. Wir Deutsche stärken uns
gegenseitig den Rücken. Wie mögen die Folgen aussehen? Sind wir, seit der
nationale Selbstwert sprunghaft angestiegen ist, weitherzig und großzügig
geworden, auch gegenüber den eigenen materiell schlecht versorgten Mitbürgern?
Und wenn ja, wie zeigt sich das?
Neben den vielen Bildern der Ausgelassenheit der Fußballweltmeisterschaft hat
sich mir eine Geschichte tief eingeprägt: Eine Frau von 60 Jahren,
Fußballfan seit ihrer Jugend, erzählte mir von einer Situation, als sie allein
in ihrer Wohnung saß und eine kleine Deutschlandfahne in der Hand hielt. Während
sie darüber nachdachte, ob auch sie es den Jungen gleichtun sollte, ob auch sie
ihr Auto mit Schwarzrotgold schmücken sollte, brach sie plötzlich in Tränen aus.
Sie weinte, weil Gefühle der Scham sie als deutsche Nachkriegsgeborene seit
ihrer Jugend belastet hatten. Sie weinte, weil sich in diesem Moment bei ihr der
Deutschland-Reflex in Schmerz verwandelte.
Gemeint ist der ungute Reflex auf deutsche Symbole. Seit fünf Jahrzehnten hat
er die Bewohner der Bundesrepublik dominiert. Im Fußballsommer war das nicht
mehr so – und niemand zeigte sich überraschter als die Deutschen selbst. Denn
von Reflexen weiß man: Sie sind tief verwurzelt, sehr tief. Mit Willenskraft
lassen sie sich nicht verhindern. Allenfalls kann man mit Vernunft gegensteuern,
damit einem heftigen Impuls keine Handlung folgt. Zum Beispiel: Wenn jemand bei
offiziellen Anlässen das Anhören der Nationalhymne aushielt und nicht
davonlief.
Die zentrale Frage im Zusammenhang mit Patriotismus lautet: Was hält ein Land
zusammen? Darüber habe ich mit einem Hirnforscher, einem Politiker, einer
Familientherapeutin und einem Theologen gesprochen.
Was fördert den Zusammenhalt in guten wie in schlechten Tagen? Was macht ein
Gemeinwesen stark? Demokraten sagen: Es ist das Verantwortungsgefühl mündiger
Bürger. Doch was macht junge Menschen zu starken, mündigen Bürgern? Der
Hirnforscher Gerald Hüther – auch als Buchautor ein Zeitgenosse mit
sozialphilosophischem Ansatz - nennt drei Kraftquellen: die Familie, den Glauben
an Gott und eine große übergeordnete Gemeinschaft, üblicherweise die Nation.
Schwer zu sagen, ob eine Mehrheit oder eine Minderheit in Deutschland ihm
zustimmen würde. Aber fest steht, dass alle drei Ressourcen den
Nachkriegsgesellschaften in Ost und West nur begrenzt zur Verfügung standen.
Schauen wir genauer hin. Stellen wir uns die Startbedingungen derer vor, die
in den vierziger und fünfziger Jahren geboren wurden. Das ist deshalb wichtig,
weil wir hier von Jahrgängen sprechen, die häufig in gesellschaftlich
verantwortungsvollen Positionen zu finden sind.
Viele ihrer Eltern waren durch Kriegserlebnisse und Verstrickungen in das
NS-Regime nachhaltig verstört. Dazu Nachkriegselend und die Folgen
kriegsbedingter Vaterlosigkeit: Sie war bei den Angehörigen der
Kriegskindergeneration ein Massenschicksal. 16 Prozent wurden Halbwaise, und 40
Prozent hatten bis in ihre Jugend hinein nur ihre Mutter. Ganz zu schweigen von
der „emotionalen Vaterlosigkeit“, wie es der Psychotherapeut Peter Heinl nannte,
wenn er von Kindern sprach, die ihre Väter nach dem Krieg als schwach und
gebrochen erlebten und nie eine tiefe, lebendige Beziehung zu ihnen
entwickelten. Davon waren häufig auch noch die fünfziger Jahrgänge betroffen,
und zwar dann, wenn ihre Eltern das Vertrauen ins Leben und den Glauben an sich
selbst verloren hatten. Heute sehen wir die Folgen deutlicher als es damals
möglich war: Traumatisierte können ihren Kindern nicht den Rücken stärken. In
solchen Familie wurde nicht Kraft an die Nachkommen weitergegeben sondern Angst
und Misstrauen.
Welche Grundausstattung braucht ein Mensch, damit er Erlebnisse verkraftet,
die ihm den Boden unter den Füßen weggezogen haben? Der Hirnforscher Hüther
sagt: „Es ist schlicht der Glaube daran, dass am Ende alles gut ausgehen wird.“
Der Grundstein dafür werde in der Kindheit durch die Weitergabe von Traditionen
und Überlieferung gelegt. Und er zählt auf, wo die stärkende und tröstende
Seelennahrung nicht nur für Kinder sondern auch für Erwachsene zu finden ist: in
Familiengeschichten, in Märchen, in biblischen Geschichten. Überwiegend handelt
es sich dabei um Geschichten vom Überleben. Die immer wiederkehrenden Motive
sind: in Not geraten und gerettet werden. Solche Botschaften setzen sich bei
Kindern fest und werden durch Erfahrungen verstärkt, die genau das bestätigen.
Ein Kind hat einen Unfall, kommt ins Krankenhaus und wird wieder gesund.
Entsprechende Muster prägen sich im Gehirn ein. So sammeln sich Erfahrungen in
einem Erinnerungsschatz, der Kraft gibt.
Eigentlich wissen wir das alles, nur stellen wir uns nicht die Frage, wie
denn wohl die geistig-seelische Ausstattung für Kinder aussah, die im Krieg oder
im Jahrzehnt danach auf die Welt kamen. Hüther ist davon überzeugt: Sie sah
schlecht aus. Nicht nur wegen des Schweigens, das entstand, weil Eltern an
Schuld oder Leid nicht erinnert werden wollten, weshalb häufig überhaupt keine
Familiengeschichten mehr erzählt wurden, sondern auch, weil der tröstenden Kraft
der Religion immer weniger zugetraut wurde.
Über die NS-Vergangenheit und den Krieg gab es üblicherweise ein paar
Familienanekdoten und darüber hinaus düstere Andeutungen. Das Wesentliche
verbarg sich als Geheimnis. Eine lebendige Erzähltradition sieht anders aus. Sie
besteht aus einer Kette abgeschlossener Geschichten, die von einer Generation an
die nächste weitergereicht werden. Es sind Geschichten, die einer bestimmten
Dramaturgie folgen. Sie haben einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss. Das
Weitererzählte entspricht nicht hundertprozentig der historischen Realität, aber
darum geht es auch gar nicht. Familiengeschichten sollen Sinn stiften. Sie
sollen das Zugehörigkeitsgefühl und den Lebensmut stärken. Oft erzählen sie von
schweren Zeiten, von Zeiten der Not und vom Überwinden der Not. Ihre Botschaft
lautet: Es ist gut ausgegangen, und es wird immer wieder gut ausgehen.
Ganz anders wirken die mit Schrecken aufgeladenen Andeutungen von Eltern und
Großeltern, zum Beispiel, wenn es um Arbeitslosigkeit geht. Die heutige
Situation ist nicht vergleichbar mit der extremen Verarmung, die mit der
Vorkriegsarbeitslosigkeit einherging. Aber offenbar ruft allein die Bezeichnung
tiefsitzende kollektive Ängste hervor, und zwar deshalb, weil viele Menschen
durch Familiengeheimnisse und Andeutungen verunsichert sind.
Der SPD-Politiker Hans Koschnick sagt dazu: „Das Problem ist das Weitertragen
von Angst. Man kennt die Begriffe aus der Überlieferung der Alten: Ihr wisst
nicht, was Arbeitslosigkeit ist, das Elend war so groß ... Und war nicht die
Arbeitslosigkeit der Grund, der zu ´33 geführt hat ...?“
Solche Andeutungen beunruhigen untergründig bis heute. Häufig haben sie zur
Folge, dass aktuelle Probleme gleichen Namens nicht differenziert angeschaut
werden oder dass man überhaupt wegschaut. Die Andeutungen machten die
Katastrophen der Vergangenheit nicht begreifbar, sondern vermittelten diffuse
Bilder. Diese belasten die Nachkommen bis heute. Vererbt wurden nicht
Ermutigungen, sondern das Erbe enthielt Aufträge, die im Wesentlichen mit „Nie
wieder ...“ anfangen. Davon schleppt die deutsche Bevölkerung unbewusst bis
heute eine ganze Menge mit sich herum. Nie wieder Krieg. Nie wieder Elend. Nie
wieder Großdeutschland. Nie wieder Auschwitz. Nie wieder fliehen. Nie wieder
Arbeitslosigkeit. Nie wieder vor dem Nichts stehen.
Die junge Bundesrepublik, die für die Nachgeborenen eine Kraftquelle hätte
sein müssen, konnte diese Seelennahrung nicht bereitstellen. Trotz Frieden,
Demokratie und Wohlstand erwiesen sich die Schatten der Vergangenheit als
stärker. Die Nachkriegsgeborenen wuchsen auf „vergiftetem Boden“ auf, wie es die
Kölner Familientherapeutin Irene Wielpütz nennt.
Sie sagt: „Es kam mir immer so vor, als habe man diese Kinder auf einen
vergifteten Acker gestellt und sie dann aufgefordert: Nun wachst mal schön,
werdet groß und stark, blüht und gedeiht.“
In der Überlieferungsliteratur der Menschheit gehört es zu den immer
wiederkehrenden Motiven, dass die Nachkommen an den Verfehlungen ihrer Väter
leiden. Bei Moses steht: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott,
der die Missetat der Väter heimsucht ins dritte und vierte Glied derer, die mich
hassen.“ Wer wüsste das besser als die Nachkriegsdeutschen der Bundesrepublik?
Gerade weil ihnen dies so bewusst ist, haben sie seit den achtziger Jahren einen
großen Teil ihrer kulturellen Energie darauf verwendet, alles, was zu Auschwitz
und zum Vernichtungskrieg führte, zu erforschen und das offizielle Gedenken an
die Opfer in den Vordergrund zu stellen.
Die deutsche Schuld ist seit Jahrzehnten immer und immer wieder öffentliches
Thema gewesen, was aber nicht zu einer kollektiven Befreiung geführt hat. Einen
Grundkonsens im Nationalgefühl gibt es noch immer nicht, sondern es haben sich
drei Haltungen herausgebildet: In der ersten Gruppe sind vor allem die Älteren
anzutreffen. Sie werden ihr Unbehagen an der deutschen Kultur und ihr Misstrauen
gegenüber der deutschen Mentalität nicht los - also waren und sind sie auch
völlig ungeeignet, nachrückenden Generationen ein positives Verhältnis zu ihrem
Land zu vermitteln.
Eine zweite Gruppe, darunter vor allem viele Junge, sagt: „Ich bin stolz,
Deutscher zu sein.“ Bei den jungen Erwachsenen dominiert die Haltung: Ich will
mit der NS-Geschichte und ihren Verbrechen nichts zu tun haben. Wir haben in der
Schulzeit eine Überdosis bekommen. Es reicht. Was habe ich damit zu tun?
Und dann gibt es eine dritte Gruppe, die meint, es sei für sie völlig
unwichtig, sich mit Fragen der nationalen Zugehörigkeit auseinanderzusetzen,
weil sie sich ohnehin nicht als Deutsche sähen, sondern als Europäer oder
Weltbürger. Der Hirnforscher Gerald Hüther hält eine solche Einstellung für
fatal und begründet das so: „Man sagt: Ich identifiziere mich nicht mit diesem
Land. Das führt dazu, dass man die eigene Geschichte, auch die Kulturgeschichte
negiert. Damit aber reißt der Faden der Tradierung, und damit reißt das, was
diese Gesellschaft im Grunde zusammenhält.“
Gerade diese Haltung war bei den Lehrenden an Schulen und Universitäten in
den vergangenen drei Jahrzehnten weit verbreitet. Was sie damit bewirkten, zeigt
sich heute vor allem in der Altersgruppe von 30 Jahren aufwärts. Interessant ist
in unserem Zusammenhang die Aussage der Berliner Journalistin Eva-Maria Bohle.
Über ihre Versuche als Jugendliche das NS-Regime zu begreifen, schrieb sie: „Es
war unheimlich, dass dieses ‚Dritte Reich’ Wirklichkeit gewesen war. Es war wie
ein dunkler Keller unter dem Gebäude meines Lebens.“ Sie erinnere sich an keinen
einzigen Erwachsenen, der ihr während der Schulzeit Begeisterung für die
Demokratie oder Stolz auf die Bundesrepublik vermittelt hätte; der Unterricht
habe die Zeit nach 1945 ohnehin nur selten berührt.
Der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky, heute über 70 Jahre alt, sagt dazu
selbstkritisch: „Wenn ich meiner Generation etwas vorwerfe, dann, dass wir immer
auf das unheimlich Bannende dieser Geschichte gestarrt haben. Das Böse durfte
nicht erklärt werden. Das Böse ist überall gesucht worden. Die Linke hat in
allem schon die Vorläufer der Nationalsozialisten gesehen, bei Hölderlin
angefangen.“ Auf diese Weise hat man die Geschichte immer nur als Verfall lesen
können, und man hat der eigenen Geschichte, der eigenen kollektiven Erinnerung
nichts Gutes zugetraut.
Vor 30 Jahren gehörte auch Steffensky zu jenen, die Traditionen unter
Generalverdacht stellten. Heute sagt er: „Das ist eine Selbstberaubung, die die
Freiheit zerstört und mit der vor allem die Kinder nicht leben können.“
Der Kern der biblischen Tradition bis heute ist das Weitergeben von
Geschichten, die davon erzählen, wie Menschen und Völker vor Unheil bewahrt
wurden. Alte Überlieferungen, Texte und Lieder, enthalten vielstimmig die Träume
von einer gerechteren Welt. Darauf können zivile Gesellschaften nicht
verzichten. Steffensky sagt dazu: „Die Parteien, die Gewerkschaften und oft auch
die Kirchen vertreten Interessen, aber sie haben keine Träume.“
Wir brauchen also Träume und Visionen, um eine bessere Zukunft ansteuern zu
können, und dies setzt voraus, dass wir uns auf gemeinsame Werte einigen.
Darüber wird in Deutschland seit geraumer Zeit öffentlich nachgedacht.
Zahlreiche kleine und größere Aktivitäten sind bereits daraus erwachsen.
Initiativen appellieren an Gemeinsinn und werben für mehr Engagement von Seiten
der Bürger. Doch wie kann sich dauerhaft Zusammenhalt und Gemeinsinn entwickeln,
wenn Menschen ohne das Ausblenden einer Phase der Vergangenheit nicht wirklich
stolz sein können auf das Kollektiv, dem sie angehören? Unmöglich? Nein. Es geht
dennoch – davon jedenfalls war der verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz
überzeugt, als er schrieb: „Die Nationen sind Zusammenhänge von Menschen, die
früher gelebt haben, die heute leben und die morgen leben werden. Sie haben nur
Selbstbewusstsein und Würde, wenn sie ihre Geschichte kennen und verstehen, wenn
sie über ihre Toten trauern, auf ihre Taten stolz und über ihre Untaten entsetzt
sein können.“
Ich erinnere an die 60-jährige Frau, die ich zu Beginn der Sendung erwähnt
habe. Sie konnte auf einmal beide Gefühle zulassen: Die Trauer und eine neu
aufkeimende Freude. Kann man das auch auf die Nation übertragen? Ich meine
ja.
Die Deutschen sind ja nicht nur im Sommer 2006 überrascht worden, sondern
auch im Frühjahr 2005. Dem großen Freudenfest ging im Jahr zuvor eine völlig
unerwartete Welle des Gedenkens voraus. Nicht nur in den Medien wurden
wochenlang der 60 Jahre nach Kriegsende gedacht, sondern in einer noch nie da
gewesenen Fülle von Einzelveranstaltungen - ob in einer Stadt wie Dresden oder
in unzähligen kleinen Gemeinden. Wir erinnern uns an die Flyer in Cafes von
Ausflugsorten auf dem Lande, an die Plakate mit Ankündigungen in
Provinzstädtchen. Das bedeutet: Zehntausende, vielleicht sogar hunderttausende
von Deutschen haben sich in Gemeinschaft der schweren Erinnerung gestellt. Man
hat den Enkeln gezeigt, was vor der eigenen Haustür 1945 geschah. Bei sehr
vielen Menschen war das vorherrschende Gefühl Trauer, auch wenn es selten so
genannt wurde.
Denn wir Deutschen, das wissen wir, tun uns mit der Trauer schwer. Wir alle
kennen den Begriff von der Unfähigkeit zu trauern. Im nachhinein sieht es so
aus, als sei in dem Standardwerk der Mitscherlichs, das 1967 erschien, ein
Massenphänomen nicht nur benannt, sondern gewissermaßen für alle Zeiten
festgeschrieben worden. Der Mangel an Trauerempfinden wurde zu einem
Mentalitätsmerkmal der Deutschen. „Die Unfähigkeit zu trauern“ entwickelte sich
zu einem Schlagwort mit Beschwichtigungscharakter: Wir Deutschen können eben
nicht trauern – das ist unser Schicksal. Man hat sich aber nicht darum
gekümmert, welche gesellschaftlichen Auswirkungen „Die Unfähigkeit zu trauern“
haben könnte. Schon gar nicht wurde je darüber getrauert, dass zwei Generationen
mit einem nationalen Gefühl der Scham aufwuchsen.
Dennoch gibt es in diesem Zusammenhang eine Hoffnung: Aus individuellem
Erleben ist bekannt, dass Trauer nachgeholt werden kann: Zum Beispiel, wenn die
alte Mutter stirbt, und wenn während der Trauerphase zum ersten Mal über den Tod
eines geliebten Onkels geweint wird, den man als Kind im Krieg verlor. Damals
fehlten die Rituale, die Beerdigung, die Trauerfeier in Gemeinschaft, die
Jahresgedächtnisse.
Individuen können also versäumte Trauer nachholen. Viele ältere Menschen
taten dies bereits vor dem Frühjahr 2005. Aber erst 60 Jahre nach Kriegsende,
als auch erstmals die deutschen Kriegskinder als Gruppe in die Öffentlichkeit
traten, wurde ein heilsames Massenphänomen sichtbar: kollektive Trauer. Darum –
so lautet meine These - war es möglich, dass sich während der
Fußballweltmeisterschaft so viele Ältere von den Jüngeren anstecken ließen.
Der Jugend-Patriotismus ist anders als der von älteren Menschen. Lange
Lebenserfahrung macht es möglich, Ambivalenzen im Umgang mit deutscher
Geschichte besser auszuhalten. Das gemeinsame Nachholen von Trauer hilft dabei.
Das Fazit: Gemeinsame Trauer und gemeinsame Freude stärken den Zusammenhalt
eines Landes.