Patriotismus (Oktober 2006)

Der Deutschland-Reflex

von Sabine Bode

Wehmütig schauen wir zurück auf den Sommer. Party is over. Die große Party Fußballweltmeisterschaft. Jürgen Klinsmann ist nicht Bundeskanzler und wird es nie werden. Selbst der Nationalmannschaft kehrte er den Rücken. An wen sollen wir uns jetzt halten? Der deutsche Alltag hat uns wieder, mit all seinen zuverlässig trüben Zukunftsaussichten – allem voran die drohenden Preissteigerungen durch die Mehrwertsteuererhöhung.

Werden Katastrophen auf uns zukommen, oder werden sie herbeigeredet? Was geschieht, wenn sich die Kaufkraft um einige Prozente verringert? Wird die große Mehrheit deshalb verarmen? Oder ist nicht wahrscheinlicher, dass nur die Bürger mit geringem Einkommen und kleinen Renten die Leidtragenden sind? Und muss Letzteres überhaupt so weit kommen?

Landauf, landab ist das sommerliche unverkrampfte Nationalgefühl gepriesen worden. Die frohe Botschaft: Wir Deutschen wissen endlich, dass wir in der Welt beliebt sind. Wir Deutschen halten wieder zusammen. Wir Deutsche stärken uns gegenseitig den Rücken. Wie mögen die Folgen aussehen? Sind wir, seit der nationale Selbstwert sprunghaft angestiegen ist, weitherzig und großzügig geworden, auch gegenüber den eigenen materiell schlecht versorgten Mitbürgern? Und wenn ja, wie zeigt sich das?

 

Neben den vielen Bildern der Ausgelassenheit der Fußballweltmeisterschaft hat sich mir eine Geschichte tief eingeprägt: Eine Frau von 60 Jahren, Fußballfan seit ihrer Jugend, erzählte mir von einer Situation, als sie allein in ihrer Wohnung saß und eine kleine Deutschlandfahne in der Hand hielt. Während sie darüber nachdachte, ob auch sie es den Jungen gleichtun sollte, ob auch sie ihr Auto mit Schwarzrotgold schmücken sollte, brach sie plötzlich in Tränen aus. Sie weinte, weil Gefühle der Scham sie als deutsche Nachkriegsgeborene seit ihrer Jugend belastet hatten. Sie weinte, weil sich in diesem Moment bei ihr der Deutschland-Reflex in Schmerz verwandelte.

Gemeint ist der ungute Reflex auf deutsche Symbole. Seit fünf Jahrzehnten hat er die Bewohner der Bundesrepublik dominiert. Im Fußballsommer war das nicht mehr so – und niemand zeigte sich überraschter als die Deutschen selbst. Denn von Reflexen weiß man: Sie sind tief verwurzelt, sehr tief. Mit Willenskraft lassen sie sich nicht verhindern. Allenfalls kann man mit Vernunft gegensteuern, damit einem heftigen Impuls keine Handlung folgt. Zum Beispiel: Wenn jemand bei offiziellen Anlässen das Anhören der Nationalhymne aushielt und nicht davonlief.

 

Die zentrale Frage im Zusammenhang mit Patriotismus lautet: Was hält ein Land zusammen? Darüber habe ich mit einem Hirnforscher, einem Politiker, einer Familientherapeutin und einem Theologen gesprochen.

Was fördert den Zusammenhalt in guten wie in schlechten Tagen? Was macht ein Gemeinwesen stark? Demokraten sagen: Es ist das Verantwortungsgefühl mündiger Bürger. Doch was macht junge Menschen zu starken, mündigen Bürgern? Der Hirnforscher Gerald Hüther – auch als Buchautor ein Zeitgenosse mit sozialphilosophischem Ansatz - nennt drei Kraftquellen: die Familie, den Glauben an Gott und eine große übergeordnete Gemeinschaft, üblicherweise die Nation. Schwer zu sagen, ob eine Mehrheit oder eine Minderheit in Deutschland ihm zustimmen würde. Aber fest steht, dass alle drei Ressourcen den Nachkriegsgesellschaften in Ost und West nur begrenzt zur Verfügung standen.

Schauen wir genauer hin. Stellen wir uns die Startbedingungen derer vor, die in den vierziger und fünfziger Jahren geboren wurden. Das ist deshalb wichtig, weil wir hier von Jahrgängen sprechen, die häufig in gesellschaftlich verantwortungsvollen Positionen zu finden sind.

Viele ihrer Eltern waren durch Kriegserlebnisse und Verstrickungen in das NS-Regime nachhaltig verstört. Dazu Nachkriegselend und die Folgen kriegsbedingter Vaterlosigkeit: Sie war bei den Angehörigen der Kriegskindergeneration ein Massenschicksal. 16 Prozent wurden Halbwaise, und 40 Prozent hatten bis in ihre Jugend hinein nur ihre Mutter. Ganz zu schweigen von der „emotionalen Vaterlosigkeit“, wie es der Psychotherapeut Peter Heinl nannte, wenn er von Kindern sprach, die ihre Väter nach dem Krieg als schwach und gebrochen erlebten und nie eine tiefe, lebendige Beziehung zu ihnen entwickelten. Davon waren häufig auch noch die fünfziger Jahrgänge betroffen, und zwar dann, wenn ihre Eltern das Vertrauen ins Leben und den Glauben an sich selbst verloren hatten. Heute sehen wir die Folgen deutlicher als es damals möglich war: Traumatisierte können ihren Kindern nicht den Rücken stärken. In solchen Familie wurde nicht Kraft an die Nachkommen weitergegeben sondern Angst und Misstrauen.

 

Welche Grundausstattung braucht ein Mensch, damit er Erlebnisse verkraftet, die ihm den Boden unter den Füßen weggezogen haben? Der Hirnforscher Hüther sagt: „Es ist schlicht der Glaube daran, dass am Ende alles gut ausgehen wird.“ Der Grundstein dafür werde in der Kindheit durch die Weitergabe von Traditionen und Überlieferung gelegt. Und er zählt auf, wo die stärkende und tröstende Seelennahrung nicht nur für Kinder sondern auch für Erwachsene zu finden ist: in Familiengeschichten, in Märchen, in biblischen Geschichten. Überwiegend handelt es sich dabei um Geschichten vom Überleben. Die immer wiederkehrenden Motive sind: in Not geraten und gerettet werden. Solche Botschaften setzen sich bei Kindern fest und werden durch Erfahrungen verstärkt, die genau das bestätigen. Ein Kind hat einen Unfall, kommt ins Krankenhaus und wird wieder gesund. Entsprechende Muster prägen sich im Gehirn ein. So sammeln sich Erfahrungen in einem Erinnerungsschatz, der Kraft gibt.

Eigentlich wissen wir das alles, nur stellen wir uns nicht die Frage, wie denn wohl die geistig-seelische Ausstattung für Kinder aussah, die im Krieg oder im Jahrzehnt danach auf die Welt kamen. Hüther ist davon überzeugt: Sie sah schlecht aus. Nicht nur wegen des Schweigens, das entstand, weil Eltern an Schuld oder Leid nicht erinnert werden wollten, weshalb häufig überhaupt keine Familiengeschichten mehr erzählt wurden, sondern auch, weil der tröstenden Kraft der Religion immer weniger zugetraut wurde.

Über die NS-Vergangenheit und den Krieg gab es üblicherweise ein paar Familienanekdoten und darüber hinaus düstere Andeutungen. Das Wesentliche verbarg sich als Geheimnis. Eine lebendige Erzähltradition sieht anders aus. Sie besteht aus einer Kette abgeschlossener Geschichten, die von einer Generation an die nächste weitergereicht werden. Es sind Geschichten, die einer bestimmten Dramaturgie folgen. Sie haben einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss. Das Weitererzählte entspricht nicht hundertprozentig der historischen Realität, aber darum geht es auch gar nicht. Familiengeschichten sollen Sinn stiften. Sie sollen das Zugehörigkeitsgefühl und den Lebensmut stärken. Oft erzählen sie von schweren Zeiten, von Zeiten der Not und vom Überwinden der Not. Ihre Botschaft lautet: Es ist gut ausgegangen, und es wird immer wieder gut ausgehen.

Ganz anders wirken die mit Schrecken aufgeladenen Andeutungen von Eltern und Großeltern, zum Beispiel, wenn es um  Arbeitslosigkeit geht. Die heutige Situation ist nicht vergleichbar mit der extremen Verarmung, die mit der Vorkriegsarbeitslosigkeit einherging. Aber offenbar ruft allein die Bezeichnung tiefsitzende kollektive Ängste hervor, und zwar deshalb, weil viele Menschen durch Familiengeheimnisse und Andeutungen verunsichert sind.

Der SPD-Politiker Hans Koschnick sagt dazu: „Das Problem ist das Weitertragen von Angst. Man kennt die Begriffe aus der Überlieferung der Alten: Ihr wisst nicht, was Arbeitslosigkeit ist, das Elend war so groß ... Und war nicht die Arbeitslosigkeit der Grund, der zu ´33 geführt hat ...?“

 

Solche Andeutungen beunruhigen untergründig bis heute. Häufig haben sie zur Folge, dass aktuelle Probleme gleichen Namens nicht differenziert angeschaut werden oder dass man überhaupt wegschaut. Die Andeutungen machten die Katastrophen der Vergangenheit nicht begreifbar, sondern vermittelten diffuse Bilder. Diese belasten die Nachkommen bis heute. Vererbt wurden nicht Ermutigungen, sondern das Erbe enthielt Aufträge, die im Wesentlichen mit „Nie wieder ...“ anfangen. Davon schleppt die deutsche Bevölkerung unbewusst bis heute eine ganze Menge mit sich herum. Nie wieder Krieg. Nie wieder Elend. Nie wieder Großdeutschland. Nie wieder Auschwitz. Nie wieder fliehen. Nie wieder Arbeitslosigkeit. Nie wieder vor dem Nichts stehen.

Die junge Bundesrepublik, die für die Nachgeborenen eine Kraftquelle hätte sein müssen, konnte diese Seelennahrung nicht bereitstellen. Trotz Frieden, Demokratie und Wohlstand erwiesen sich die Schatten der Vergangenheit als stärker. Die Nachkriegsgeborenen wuchsen auf „vergiftetem Boden“ auf, wie es die Kölner Familientherapeutin Irene Wielpütz nennt.

Sie sagt: „Es kam mir immer so vor, als habe man diese Kinder auf einen vergifteten Acker gestellt und sie dann aufgefordert: Nun wachst mal schön, werdet groß und stark, blüht und gedeiht.“

In der Überlieferungsliteratur der Menschheit gehört es zu den immer wiederkehrenden Motiven, dass die Nachkommen an den Verfehlungen ihrer Väter leiden. Bei Moses steht: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht ins dritte und vierte Glied derer, die mich hassen.“ Wer wüsste das besser als die Nachkriegsdeutschen der Bundesrepublik? Gerade weil ihnen dies so bewusst ist, haben sie seit den achtziger Jahren einen großen Teil ihrer kulturellen Energie darauf verwendet, alles, was zu Auschwitz und zum Vernichtungskrieg führte, zu erforschen und das offizielle Gedenken an die Opfer in den Vordergrund zu stellen.

 

Die deutsche Schuld ist seit Jahrzehnten immer und immer wieder öffentliches Thema gewesen, was aber nicht zu einer kollektiven Befreiung geführt hat. Einen Grundkonsens im Nationalgefühl gibt es noch immer nicht, sondern es haben sich drei Haltungen herausgebildet: In der ersten Gruppe sind vor allem die Älteren anzutreffen. Sie werden ihr Unbehagen an der deutschen Kultur und ihr Misstrauen gegenüber der deutschen Mentalität nicht los - also waren und sind sie auch völlig ungeeignet, nachrückenden Generationen ein positives Verhältnis zu ihrem Land zu vermitteln.

Eine zweite Gruppe, darunter vor allem viele Junge, sagt: „Ich bin stolz, Deutscher zu sein.“ Bei den jungen Erwachsenen dominiert die Haltung: Ich will mit der NS-Geschichte und ihren Verbrechen nichts zu tun haben. Wir haben in der Schulzeit eine Überdosis bekommen. Es reicht. Was habe ich damit zu tun?

Und dann gibt es eine dritte Gruppe, die meint, es sei für sie völlig unwichtig, sich mit Fragen der nationalen Zugehörigkeit auseinanderzusetzen, weil sie sich ohnehin nicht als Deutsche sähen, sondern als Europäer oder Weltbürger. Der Hirnforscher Gerald Hüther hält eine solche Einstellung für fatal und begründet das so: „Man sagt: Ich identifiziere mich nicht mit diesem Land. Das führt dazu, dass man die eigene Geschichte, auch die Kulturgeschichte negiert. Damit aber reißt der Faden der Tradierung, und damit reißt das, was diese Gesellschaft im Grunde zusammenhält.“

Gerade diese Haltung war bei den Lehrenden an Schulen und Universitäten in den vergangenen drei Jahrzehnten weit verbreitet. Was sie damit bewirkten, zeigt sich heute vor allem in der Altersgruppe von 30 Jahren aufwärts. Interessant ist in unserem Zusammenhang die Aussage der Berliner Journalistin Eva-Maria Bohle. Über ihre Versuche als Jugendliche das NS-Regime zu begreifen, schrieb sie: „Es war unheimlich, dass dieses ‚Dritte Reich’ Wirklichkeit gewesen war. Es war wie ein dunkler Keller unter dem Gebäude meines Lebens.“ Sie erinnere sich an keinen einzigen Erwachsenen, der ihr während der Schulzeit Begeisterung für die Demokratie oder Stolz auf die Bundesrepublik vermittelt hätte; der Unterricht habe die Zeit nach 1945 ohnehin nur selten berührt.

Der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky, heute über 70 Jahre alt, sagt dazu selbstkritisch: „Wenn ich meiner Generation etwas vorwerfe, dann, dass wir immer auf das unheimlich Bannende dieser Geschichte gestarrt haben. Das Böse durfte nicht erklärt werden. Das Böse ist überall gesucht worden. Die Linke hat in allem schon die Vorläufer der Nationalsozialisten gesehen, bei Hölderlin angefangen.“ Auf diese Weise hat man die Geschichte immer nur als Verfall lesen können, und man hat der eigenen Geschichte, der eigenen kollektiven Erinnerung nichts Gutes zugetraut.

Vor 30 Jahren gehörte auch Steffensky zu jenen, die Traditionen unter Generalverdacht stellten. Heute sagt er: „Das ist eine Selbstberaubung, die die Freiheit zerstört und mit der vor allem die Kinder nicht leben können.“

Der Kern der biblischen Tradition bis heute ist das Weitergeben von Geschichten, die davon erzählen, wie Menschen und Völker vor Unheil bewahrt wurden. Alte Überlieferungen, Texte und Lieder, enthalten vielstimmig die Träume von einer gerechteren Welt. Darauf können zivile Gesellschaften nicht verzichten. Steffensky sagt dazu: „Die Parteien, die Gewerkschaften und oft auch die Kirchen vertreten Interessen, aber sie haben keine Träume.“

 

Wir brauchen also Träume und Visionen, um eine bessere Zukunft ansteuern zu können, und dies setzt voraus, dass wir uns auf gemeinsame Werte einigen. Darüber wird in Deutschland seit geraumer Zeit öffentlich nachgedacht. Zahlreiche kleine und größere Aktivitäten sind bereits daraus erwachsen. Initiativen appellieren an Gemeinsinn und werben für mehr Engagement von Seiten der Bürger. Doch wie kann sich dauerhaft Zusammenhalt und Gemeinsinn entwickeln, wenn Menschen ohne das Ausblenden einer Phase der Vergangenheit nicht wirklich stolz sein können auf das Kollektiv, dem sie angehören? Unmöglich? Nein. Es geht dennoch – davon jedenfalls war der verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz überzeugt, als er schrieb: „Die Nationen sind Zusammenhänge von Menschen, die früher gelebt haben, die heute leben und die morgen leben werden. Sie haben nur Selbstbewusstsein und Würde, wenn sie ihre Geschichte kennen und verstehen, wenn sie über ihre Toten trauern, auf ihre Taten stolz und über ihre Untaten entsetzt sein können.“

 

Ich erinnere an die 60-jährige Frau, die ich zu Beginn der Sendung erwähnt habe. Sie konnte auf einmal beide Gefühle zulassen: Die Trauer und eine neu aufkeimende Freude. Kann man das auch auf die Nation übertragen? Ich meine ja. 

Die Deutschen sind ja nicht nur im Sommer 2006 überrascht worden, sondern auch im Frühjahr 2005. Dem großen Freudenfest ging im Jahr zuvor eine völlig unerwartete Welle des Gedenkens voraus. Nicht nur in den Medien wurden wochenlang der 60 Jahre nach Kriegsende gedacht, sondern in einer noch nie da gewesenen Fülle von Einzelveranstaltungen - ob in einer Stadt wie Dresden oder in unzähligen kleinen Gemeinden. Wir erinnern uns an die Flyer in Cafes von Ausflugsorten auf dem Lande, an die Plakate mit Ankündigungen in Provinzstädtchen. Das bedeutet: Zehntausende, vielleicht sogar hunderttausende von Deutschen haben sich in Gemeinschaft der schweren Erinnerung gestellt. Man hat den Enkeln gezeigt, was vor der eigenen Haustür 1945 geschah. Bei sehr vielen Menschen war das vorherrschende Gefühl Trauer, auch wenn es selten so genannt wurde.

Denn wir Deutschen, das wissen wir, tun uns mit der Trauer schwer. Wir alle kennen den Begriff von der Unfähigkeit zu trauern. Im nachhinein sieht es so aus, als sei in dem Standardwerk der Mitscherlichs, das 1967 erschien, ein Massenphänomen nicht nur benannt, sondern gewissermaßen für alle Zeiten festgeschrieben worden. Der Mangel an Trauerempfinden wurde zu einem Mentalitätsmerkmal der Deutschen. „Die Unfähigkeit zu trauern“ entwickelte sich zu einem Schlagwort mit Beschwichtigungscharakter: Wir Deutschen können eben nicht trauern – das ist unser Schicksal. Man hat sich aber nicht darum gekümmert, welche gesellschaftlichen Auswirkungen „Die Unfähigkeit zu trauern“ haben könnte. Schon gar nicht wurde je darüber getrauert, dass zwei Generationen mit einem nationalen Gefühl der Scham aufwuchsen.

Dennoch gibt es in diesem Zusammenhang eine Hoffnung: Aus individuellem Erleben ist bekannt, dass Trauer nachgeholt werden kann: Zum Beispiel, wenn die alte Mutter stirbt, und wenn während der Trauerphase zum ersten Mal über den Tod eines geliebten Onkels geweint wird, den man als Kind im Krieg verlor. Damals fehlten die Rituale, die Beerdigung, die Trauerfeier in Gemeinschaft, die Jahresgedächtnisse.

Individuen können also versäumte Trauer nachholen. Viele ältere Menschen taten dies bereits vor dem Frühjahr 2005. Aber erst 60 Jahre nach Kriegsende, als auch erstmals die deutschen Kriegskinder als Gruppe in die Öffentlichkeit traten, wurde ein heilsames Massenphänomen sichtbar: kollektive Trauer. Darum – so lautet meine These - war es möglich, dass sich während der Fußballweltmeisterschaft so viele Ältere von den Jüngeren anstecken ließen.

Der Jugend-Patriotismus ist anders als der von älteren Menschen. Lange Lebenserfahrung macht es möglich, Ambivalenzen im Umgang mit deutscher Geschichte besser auszuhalten. Das gemeinsame Nachholen von Trauer hilft dabei. Das Fazit: Gemeinsame Trauer und gemeinsame Freude stärken den Zusammenhalt eines Landes.


Letzte Aktualisierung am 18.04.2009