„Dagegen kann man ja doch nichts machen“
von Sabine Bode
Es war eine Hochzeit, die man nie wieder vergißt.
Der Chef einer psychosomatischen Klinik und seine Frischangetraute hatten in
ihren Garten eingeladen. 150 Gäste kamen. Das Brautpaar war nicht mehr das
Jüngste, der gemeinsame Sohn bereits in der Pubertät. Es lag also
Unkonventionelles in der Luft. Schließlich entschwand die Kleinfamilie im
Korb eines Heißluftballons und wart nicht mehr gesehen. Aber die live-band
war gut. Das Fest ging weiter.
Gegen Mitternacht stand Feuerlaufen auf dem Programm. Entsprechende Seminare
hatten in den neunziger Jahren geboomt, vor allem durch Mundpropaganda.
Einfach überwältigend war für viele Teilnehmer die Erfahrung gewesen, daß
Fußsohlen durch mentale Kraft heil bleiben können. Zitat aus einer
Seminar-Ankündigung:
"Die Angst, sich im Feuer zu verbrennen, ist dieselbe Angst, die uns von der
Verwirklichung unserer Lebensziele abhält."
Es geht darum – ich zitiere weiter -
-
Ängste und Blockaden zu
überwinden
-
die eigenen Grenzen zu erweitern
und
-
die Opferrolle aufzugeben.
Es wird also davon ausgegangen, daß man nach bestandener Mutprobe zu
einer neuen Einstellung gelangt. Ab sofort heißt es dann nicht mehr: „Man kann
ja doch nichts machen“ Sondern: „Nichts ist unmöglich.“
Während der Hochzeitsfeier zeigte sich nun, wer unter den Gästen im
Feuerlaufen erfahren war, wer seinen Mut beweisen wollte und wer noch bei
Verstand war.
Die Vernünftigen winkten von vornherein ab. Weil sie Feuerlaufen für absurd
hielten, oder aber, weil sie den Rahmen, in dem es stattfinden sollte, unpassend
fanden. Partystimmung, so meinten sie, eigne sich nicht als Einstimmung auf ein
großartiges psychisches Ereignis, das dem Leben eine neue Richtung geben
sollte.
Unter den Erfahrenen kam es indessen zum inneren Konflikt. Einerseits wollte
man gern vorführen, was man gelernt hatte, andererseits war kaum jemand mehr
nüchtern, und es galt zu bedenken, daß, wenn man schon aufs Autofahren
verzichtete, man vielleicht auch nicht mehr fit genug wäre, um über´s Feuer zu
laufen.
Völlig unfeierlich, unter Lachen und Gekicher, wurden glühende Holzstückchen
auf einer Fläche verteilt. Die große Mehrheit blieb am Rande und warteten auf
das, was geschehen würde. Etwa zwanzig Menschen trauten sich. Sie standen bereit
mit nackten Füßen.
Und dann liefen sie los.
Ich kann auch im nachhinein nicht sagen, wer die Feuerprobe unbeschadet
bestand und wer mit preußischer Disziplin seine Verbrennungen ertrug, ohne sich
etwas anmerken zu lassen. Etwa die Hälfte jedenfalls schrie beim Kontakt mit der
Glut auf und tunkte ihre Füße in einen bereitstehenden Wassereimer. Anschließend
ließ man seine Brandblasen behandeln. Es waren ja genügend Ärzte unter den
Gästen.
Feuerlaufen ist nur eines der vielen Angebote zur Mutprobe, die sich bei uns
großer Beliebtheit erfreuen. Es herrscht in unserer Gesellschaft absolut kein
Mangel an Möglichkeiten, über den eigenen Schatten zu springen. Risikosport
liegt im Trend. Wer dort mitmacht, ob Para-Gliding oder Bungee-Springen, bekommt
Beifall.
Aber ob dies aus der Opferrolle befreit?
Ich glaube, trotz tollkühner Luftsprünge sind Menschen in Alltagssituationen
nicht mutiger geworden. Das eine hat offenbar mit dem anderen nichts zu tun.
Schauen wir uns mal den Berufsverband der Düsenjägerpiloten an. Tritt er
besonders forsch auf? Läßt er sich nichts gefallen? Im Gegenteil. Hier wird
genauso über angeblich unzumutbare Arbeitsbedingungen gejammert wie man es aus
anderen Berufsgruppen kennt.
Der Kick, sich überwunden und damit etwas Unglaubliches geschafft zu haben,
ist nicht automatisch übertragbar auf couragiertes Handeln im Alltag. Ein
Bungee-Springer riskiert vielleicht seine Gesundheit, aber nicht, sich in seiner
sozialen Gruppe unbeliebt zu machen. Bei Mutproben heißt Mut: sich trauen und
springen. Im Alltag heißt Mut: nicht locker lassen, Nachteile einstecken,
durchhalten, einen langen Atem beweisen.
Aber wer kann das schon? Wer will das schon? Jeder Mensch ist anders. Was
geht es uns an, was der Einzelne macht oder vermeidet?
Eine Menge. Und zwar dann, wenn hinter dem Satz, „Man kann ja doch nichts
machen“, die Identität einer ganzen Gruppe steckt. Und wenn ausgerechnet dieses
Gremium über ein etwas ausgefallenes Anliegen von – sagen wir mal - Ihnen oder
mir zu befinden hat. Da hätten wir schlechte Karten. Eine Gemeinschaft von
Resignierten riskiert keine Entscheidungen, mit denen sie sich einer Kritik
aussetzen könnte. An Innovationen ist sie nicht interessiert.
Beispiele für solche Gruppenidentitäten kennt jeder. Wenn das gesamte Team
auf einer Krankenhausstation resigniert hat; wenn die Mitarbeiter eines
Altenheims sich ohnmächtig fühlen; wenn ein Lehrerkollegium bei jedem
Änderungsvorschlag müde abwinkt. Wehe der Anfängerin, die, frisch aus der
Ausbildung und hochmotiviert, in einer solchen Gruppe landet. Wehe auch den
Schulkindern, den Altenheimbewohnern, den Krankenhauspatienten. Gerade dort, wo
sie nicht ausweichen können, sind sie womöglich auf Menschen angewiesen, die
sich selbst ausschließlich als Opfer sehen und sich in keiner Weise für ihre
eigenen Arbeitsbedingungen mitverantwortlich fühlen.
In Deutschland – will man ausländischen Beobachtern glauben - scheint
Resignation ein weitverbreitetes Phänomen zu sein. Es fällt besonders den
Vertretern jener Länder auf, in denen die Verhältnisse tatsächlich desolat
sind. Zum Beispiel, wenn sich Mitglieder einer Delegation aus Afrika hier
auf Informationsreise befinden. In Sozialbehörden, Institutionen und Gremiem
begegnen die Gäste immer wieder dem „Problem an sich“. Nicht die Leistungen und
das Gelungene stehen bei der Darstellung der Arbeit im Vordergrund, sondern die
Schwierigkeiten. Es sind immer die gleichen Sätze, die von den Wortführern zu
hören sind: „Wir haben da das große Problem, daß...“ Wobei die Annahme, daß die
Probleme eigentlich unlösbar sind, bereits mitschwingt. Für Afrikaner
klingt das grotesk. Sie können darüber eigentlich nur Witze machen, und sie tun
es auch.
Sich ohnmächtig zu fühlen, ist gewiß keine typisch deutsche Eigenschaft, aber
sie scheint hier besonders auffällig zu sein – vielleicht, weil man von uns
Deutschen eigentlich etwas anderes erwartet. Hätten wir nach dem grandiosen
Erlebnis des Mauerfalls nicht allen Grund, fest daran zu glauben, daß
Veränderungen möglich sind?
Das ist aber kaum spürbar. Erinnern wir uns an das, was geschah, als sich der
Mauerfall zum zehnten Mal jährte. Von Freude keine Spur. Von Dankbarkeit auch
nicht. Kein Stolz auf das, was inzwischen erreicht wurde. Nur kleinkarierter
politischer Streit. Nur gegenseitige Vorwürfe. Ein französischer Politiker sagte
dazu kopfschüttelnd: „Wir würden feiern. Und was macht ihr?“
Wir jammern über unsere Probleme. Die Ohnmächtigen klagen die Mächtigen an.
Offenbar empfinden sich viele Menschen schnell als Opfer der Verhältnisse, an
denen, wie sie sagen, „nunmal nichts zu ändern ist“.
Meiner Meinung nach gibt es da keinen Unterschied zwischen Ostdeutschen und
Westdeutschen. Daß man im Westen behauptet, die im Osten hätten das Jammern
gepachtet, halte ich für pure Projektion.
In einem Interview zu seinem hundertsten Geburtstag sagte der Philosoph Georg
Gadamer: "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wenig Menschen wissen
wollen, wenn sie sich ohnmächtig fühlen."
Gadamer bezog seine Aussage auf die Nazizeit. Aber heute? Wann und wo trifft
die Beurteilung „Man kann ja doch nichts machen“ tatsächlich zu? Nicht einmal
ein todgeweihter Patient würde eine solche Aussage von seinem Arzt hören. Weil
dieser Satz 1. brutal ist und 2. einfach nicht zutrifft. Man kann immer
etwas machen. Auf den Arzt bezogen heißt das: Wenn nicht heilen, dann mildern,
die Schmerzen verringern , Trost geben - und dafür sorgen, daß der Sterbende von
seinen Angehörigen oder anderen erfahrenen Menschen gut begleitet wird.
Aber warum ist die unrealistische Einstellung „Man kann ja doch nichts
machen“ gerade in sozialen Einrichtungen und Organisationen so weit verbreitet.
Wem nutzt sie? Worin liegt der Gewinn, sich als Opfer zu sehen?
Über den ersten Vorteil wurde bereits etwas gesagt. Man fühlt sich mit dieser
Haltung in guter Gesellschaft: in der Gemeinschaft der Opfer. Man hat stets ein
gemeinsames Thema, denn die Situationen, die beweisen, daß man nichts machen
kann, hören ja zum Glück nie auf. Und stets kann man auf „die da oben“
schimpfen. Die Chefs sind es, von denen man sich im Stich gelassen fühlt, obwohl
sie doch eigentlich, wie gute Eltern, für einen zu sorgen hätten.
Der zweite Gewinn liegt ebenfalls auf der Hand. Menschen, die sich ohnmächtig
fühlen, müssen sich nicht der Mühe von Veränderungen unterziehen. In den meisten
Pflegebereichen – um bei diesem Beispiel zu bleiben - ist es leicht, eine neue
Stelle zu finden. Unzufriedene Mitarbeiter könnten also Druck machen, indem sie
mit der Kündigung drohen und schlimmstenfalls den Arbeitsplatz wechseln. Aber
Menschen in Pflegeberufen sind in der Regel so gestrickt, daß sie es darauf
nicht ankommen lassen wollen. Statt dessen behaupten sie: „Woanders ist es auch
nicht besser“. Was einfach nicht stimmt.
Sie kommen nicht auf die Idee, andere Einrichtungen zu besichtigen und dort
mit den Kollegen zu sprechen. Für sie ist es günstiger, eine Alternative erst
gar nicht in Betracht ziehen. So können einfach immer weiter machen – bis zum
„Burn out“ - und sich einreden, sie als Opfer seien jeder Verantwortung
enthoben.
Die Gesetze kommen zu einem anderen Schluß, und eine ethische oder
womöglich christliche Sichtweise erst recht. Auch Opfer können zu Tätern
werden. Eine Altenpflegerin, die nicht massiv Alarm schlägt, wenn die Versorgung
der Bettlägrigen nicht mehr zu gewährleisten ist, macht sich strafbar. Das ist
ein sehr störender Gedanke in der Gemeinschaft der Opfer, die glaubt: Schuld
sind immer nur die anderen, die Mächtigen.
Hier kommen wir zum dritten, zum entscheidenden Gewinn: Als Opfer sieht man
sich automatisch auf der Seite der Guten.
Natürlich ist es ein großer philosophischer Irrtum zu glauben, man kann
nichts verkehrt machen, wenn man nichts tut. Als die europäischen Regierungen
sich weigerten, dem bosnischen Volk zur Hilfe zu kommen, machten sie sich
schuldig. Als sie ein paar Jahre später, um die Vertreibung aus dem Kosovo zu
stoppen, die Bomben auf Belgrad befahlen, machten sie sich ebenfalls schuldig.
Gutmenschen sind die Vermeider jeder offenen Konfrontation und Aggression.
Sie sind die Bedenkenträger, die in politischen und sozialen Gremien stets
warnen, aber nie selbst offensiv handeln. Ihre ungute Rolle im politischen Leben
ist bekannt. Im Berufsleben sind sie nicht ganz so leicht zu identifizieren. Sie
scheuen den offenen Konflikt. Als die besseren Menschen fühlen sie sich deshalb,
weil sie nie laut werden und weil sie sich für selbstlos halten, da sie nichts
im eigenen Interesse fordern – aber natürlich auch nicht für die Belange anderer
kämpfen. Klarheit zu schaffen ist ihre Sache nicht. Sie gehören zu den
Beschwichtigern. Jeden Kollege, der aufbegehrt, versuchen sie zu beschwatzen,
die Sache auf sich beruhen lassen.
Zu den Gutmenschen gehören auch solche, die glauben, sich ständig aufopfern
zu müssen. Sie werden nicht müde zu betonen, daß sie in ihrer Arbeit „das
Letzte“ geben. Eigentlich müßten sie es besser wissen. Erst recht aber der
Leiter eines Altenheims, der öffentlich oder halböffentlich seine Bewunderung
für soviel Opferbereitschaft ausdrückt.
Ihm sollte man die Kontrolleure ins Haus schicken.
Kann eine ständig überforderte Mutter ihren Kindern das geben, was sie
brauchen? Wer stets „das Letzte“ gibt, pfeift auf dem letzten Loch. Von ihm ist
wenig zu erwarten.
Gutmenschen kann man auch daran erkennen, daß sie wenig Verhandlungsspielraum
anbieten. Sie lieben Maximalforderungen, auch in ethischen Fragen. Sozialen
Neuerungen stimmen sie nur dann zu, wenn sie für niemanden, - wirklich niemanden
- Mehrkosten bedeuten. Das diktiert ihnen ihr Gerechtigkeitssinn. In Zeiten der
leeren öffentlichen Kassen ist diese Haltung, wenn sie sich durchsetzt, das
Totschlagargument.
Dazu eine typische Diskussion in einem kirchlichen Gremium. Es ging um
Beerdigungen, und zwar vor dem Hintergrund, daß in den Trauerhallen der
Friedhöfe die Feiern im 15-Minunten-Takt abgewickelt werden müssen. Ein
Großstadt-Thema. Könnte man nicht, so wurde im Presbyterium gefragt, statt
dessen die Trauerfeiern in der Kirche stattfinden lassen, was bedeuten würde:
die Toten in die Kirche holen?
Die Antwort lautete: Nein. Das wird zu teuer. Es würden ein paar hundert Mark
mehr an Transportkosten für den Sarg entstehen. Das wollen wir nicht. Denn das
ist einigen Familien in der Gemeinde nicht zuzumuten.
Dem hatte die Mehrheit im Gremium kopfnickend zugestimmt. Natürlich fiel der
Satz, der immer fällt, wenn man sich mit einem Anliegen gar nicht erst
beschäftigen möchte: „Da kann man nichts machen“
Niemand bemühte sich, einmal genauer hinzuschauen: Wie viele Beerdigungen
haben wir pro Jahr? Wie viele Angehörige würden sich eine Trauerfeier in der
Kirche überhaupt wünschen? Und wie viele davon würden sich die Mehrkosten nicht
leisten können?
Ich vermute mal, es wäre bei zwei oder drei Beerdigungen der Fall gewesen.
Das hätte für die Gemeinde 1000 Mark bedeutet. Ist das eine Summe, an der man
das Angebot eines würdenvollen Abschieds in der eigenen Kirche scheitern
läßt? Hier, an diesem Ort, wo der Tote geheiratet hat und seine Kinder
getauft wurden...
Und ich vermute weiterhin, sollte in nächster Zeit eine Witwe beim Pfarrer um
eine solche Trauerfeier im vertrauten kirchlichen Raum bitten, wird dieser
ablehnen und sagen: „Ich verstehe Sie ja. Aber verstehen Sie mich bitte auch...“
Und dann wird er das Argument von der vermeintlichen Gerechtigkeit hervorholen.
Kann sein, daß es sich um eine Frau handelt, die stets schnell nachgibt.
Wünschen aber würde ich mir, daß sie beharrlich bleibt und sagt: „Hören Sie mal,
Herr Pfarrer, dieser Satz - Ich versteh Sie ja, aber verstehen Sie mich
auch - den hat mein Sohn gerade in der Verkaufsschulung gelernt. Damit versucht
man, unangenehme Kunden abzuwimmeln. In Wahrheit heißt der Satz: Ich versteh Sie
ja – aber es ist mir egal!“
Ja, ich wünsche mir, daß diese Frau so beharrlich bleibt, wie die Witwe im
biblichen Gleichnis „vom ungerechten Richter“.
Das Letzte, was ja dieser Mann im Sinn hat, ist, der Witwe zu ihrem Recht zu
verhelfen. Aber sie ist hartnäckig. Sie bedrängt ihn wieder und wieder. Und was
geschieht? Der Richter, der von sich selbst sagt, daß er Gott und die Menschen
verachtet, gibt schließlich nach. Warum? Weil er befürchtet, die Witwe könnte
ihm eines Tages ins Gesicht schlagen.
Ob auch Jesus das glaubte, erfährt man nicht. Ihn interessierte letztlich nur
die Wirkung ihres Verhaltens. Er benutzte das Gleichnis, um zu beharrlichem
Beten aufzufordern. Wenn Unbeirrtheit und Hartnäckigkeit selbst bei einem so
harten Brocken wie dem Richter zum Erfolg führen, um wieviel mehr – fragte Jesus
rhetorisch – wird Gott denjenigen, die sich Tag und Nacht so dringlich an ihn
wenden, zu ihrem Recht verhelfen?
Jesus war kein Macho. Offenbar hatte er Freude an starken Frauen. Zu seiner
Zeit war die soziale Position der Witwen extrem schlecht. Dennoch gab es immer
wieder Frauen, die ihre Opferrolle nicht akzeptierten und dabei den einzigen Weg
wählten, der ihnen blieb: den Autoritätspersonen und Mächtigen unablässig auf
die Nerven zu gehen.
Zeitsprung. Reden wir – wie es derzeit modisch ist – von den siebziger Jahren
des 20. Jahrhunderts. Aber reden wir nicht von gewaltbereiten Demonstranten,
sondern reden wir von dem politischen und sozialen Klima, in dem sich die
Frauenbewegung ausbreitete.
Reden wir von einer Zeit, als es Frauen kaum möglich war, sich aus
schrecklichen Ehen zu befreien und sie in Fragen des Schwangerschaftsabbruchs
völlig allein gelassen wurden. Reden wir von einer Zeit, als man immer noch den
Satz hörte „Eine deutsche Frau raucht nicht auf der Straße“.
Ich erinnere mich noch gut, daß es in den siebziger Jahren allen Ernstes in
den Funkhäusern hieß, weibliche Stimmen eigneten sich nicht, um den Inhalt
politischer Informationen im Radio zu vermitteln. Es gab deshalb keine
Nachrichten-Sprecherinnen, sondern nur Sprecher. Die Polit- und
Sport-Moderatoren im Fernsehen waren ausschließlich Männer.
Reden wir also von der Zeit, als das Wort „Emanze“ entstand. Emanzen waren
aufmüpfig und frech. Ihr Bedürfnis, aufzufallen und ihre schrillen Töne fanden
nicht nur die Männer, sondern auch viele Frauen abstoßend. Aber kalt ließen sie
niemanden. Das schlug sich natürlich auch in den Medien nieder. Dort reagierte
man entsetzt oder verschreckt, je nachdem, aber in jedem Fall waren die Emanzen
in den Schlagzeilen. Und nach und nach erschienen in Zeitschriften und im
Fernsehen auch nachdenkliche Beiträge, die sich mit den politischen Forderungen
auseinandersetzten und sich diese teilweise zu eigen machten.
Und was hat das Ganze gebracht? Viel oder wenig? Die Meinungen dazu gehen
weit auseinander.
Hier sind einige der greifbaren Ergebnisse nach 25 Jahren: eine
liberalisiertes Ehe- und Familienrecht, ein erheblich gestiegener Frauenanteil
in den Parlamenten, eine Bundesregierung mit fünf Ministerinnen, eine
Parteivorsitzende, drei Bischöfinnen, ein halbes Dutzend TV-Kommissarinnen und
ein bis zwei Generationen von Frauen, die so gut ausgebildet sind wie nie
zuvor.
Daneben steht auf der Minusseite: Frauen sind nach wie vor
unterbezahlt und überproportinal arbeitslos. Der Mangel an Kindergartenplätzen
existiert weiterhin.
Die bewegte Frauenzeit im westlichen Deutschland dauerte nicht lange. In den
achtziger Jahren war sie schon in sich zusammengefallen. Zu einer großen
schwesterlichen Umarmung zwischen Ost- und West kam es auch nach der Wende
nicht. Heute sind Frauen wieder Einzelkämpferinnen, wie unsere Witwe im
Gleichnis.
Durchsetzungsfähige Frauen geraten immer noch schnell in den Ruf, rabiat und
unweiblich zu sein. Sind sie dagegen - wie Maybritt Illner, die donnerstags im
ZDF eine Politikrunde moderiert - unübersehbar hübsch, feminin, kompetent und
gutgelaunt, dann geraten die nimmermüden Kritiker ins Schleudern. Zwanzig Jahre
lang haben sie gemahnt, daß die Frauen nicht wie die besseren Männer auftreten
dürften, und nun sowas! Bei Illner wird gelacht und geflirtet, selbst auf dem
Höhepunkt der BSE-Krise.
Eine Generation hat es gedauert. Ein schöner Erfolg auch der Emanzen, finde
ich. Wären die Frauen damals artig geblieben, wären sie nicht den
Verantwortlichen so ausdauernd auf die Nerven gegangen, dann hätte nur ein
Bruchteil der Frauen, die heute in den Medien präsent sind, aufsteigen können.
Vielleicht würden anstelle von Maybritt Illner immer noch Männer vom Schlage
eines Klaus Bednarz die Politiksendungen dominieren.
Sie abzuschaffen, war zwar nicht das Ziel der Frauenbewegung. Aber gut, daß
es so gekommen ist. Politik ist so viel interessanter, wenn sie
nicht von Trauerklößen präsentiert wird. Man muß eben auch die Erfolge
wahrnehmen können, die sich quasi nebenbei eingestellt haben.
„Man kann ja doch nichts machen...“ ?
Gilt
nicht.