Opfermentalität (2003)

„Dagegen kann man ja doch nichts machen“ 

von Sabine Bode

Es war eine Hochzeit, die man nie wieder vergißt. Der Chef einer psychosomatischen Klinik und seine Frischangetraute hatten in ihren Garten eingeladen. 150 Gäste kamen. Das Brautpaar war nicht mehr das Jüngste, der gemeinsame Sohn bereits in der Pubertät. Es lag also Unkonventionelles in der Luft.  Schließlich entschwand die Kleinfamilie im Korb eines Heißluftballons und wart nicht mehr gesehen.  Aber die live-band war gut. Das Fest ging weiter.

Gegen Mitternacht stand Feuerlaufen auf dem Programm. Entsprechende Seminare hatten in den neunziger Jahren  geboomt, vor allem durch Mundpropaganda. Einfach überwältigend war für viele Teilnehmer die Erfahrung gewesen, daß Fußsohlen durch mentale Kraft heil bleiben können. Zitat aus einer Seminar-Ankündigung:

"Die Angst, sich im Feuer zu verbrennen, ist dieselbe Angst, die uns von der Verwirklichung unserer Lebensziele abhält."

Es geht darum – ich zitiere weiter -

-                   Ängste und Blockaden zu überwinden
-                   die eigenen Grenzen zu erweitern und
-                   die Opferrolle aufzugeben.

Es wird also davon ausgegangen, daß  man nach bestandener Mutprobe zu einer neuen Einstellung gelangt. Ab sofort heißt es dann nicht mehr: „Man kann ja doch nichts machen“ Sondern: „Nichts ist unmöglich.“

 

Während der Hochzeitsfeier zeigte sich nun, wer unter den Gästen im Feuerlaufen erfahren war, wer seinen Mut beweisen wollte und wer noch bei Verstand war.

Die Vernünftigen winkten von vornherein ab. Weil sie Feuerlaufen für absurd hielten, oder aber, weil sie den Rahmen, in dem es stattfinden sollte, unpassend fanden. Partystimmung, so meinten sie, eigne sich nicht als Einstimmung auf ein großartiges psychisches Ereignis, das dem Leben eine neue Richtung geben sollte.

Unter den Erfahrenen kam es indessen zum inneren Konflikt. Einerseits wollte man gern vorführen, was man gelernt hatte, andererseits war kaum jemand mehr nüchtern, und es galt zu bedenken, daß, wenn man schon aufs  Autofahren verzichtete, man vielleicht auch nicht mehr fit genug wäre, um über´s Feuer zu laufen.

Völlig unfeierlich, unter Lachen und Gekicher, wurden glühende Holzstückchen auf einer Fläche verteilt. Die große Mehrheit blieb am Rande und warteten auf das, was geschehen würde. Etwa zwanzig Menschen trauten sich. Sie standen bereit mit nackten Füßen.

Und dann liefen sie los.

Ich kann auch im nachhinein nicht sagen, wer die Feuerprobe unbeschadet bestand und wer mit preußischer Disziplin seine Verbrennungen ertrug, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Etwa die Hälfte jedenfalls schrie beim Kontakt mit der Glut auf und tunkte ihre Füße in einen bereitstehenden Wassereimer. Anschließend ließ man seine Brandblasen behandeln. Es waren ja genügend Ärzte unter den Gästen.

 

Feuerlaufen ist nur eines der vielen Angebote zur Mutprobe, die sich bei uns großer Beliebtheit erfreuen. Es herrscht in unserer Gesellschaft absolut kein Mangel an Möglichkeiten, über den eigenen Schatten zu springen. Risikosport liegt im Trend. Wer dort mitmacht, ob Para-Gliding oder Bungee-Springen, bekommt Beifall.

Aber ob dies aus der Opferrolle befreit?

Ich glaube, trotz tollkühner Luftsprünge sind Menschen in Alltagssituationen nicht mutiger geworden. Das eine hat offenbar mit dem anderen nichts zu tun. Schauen wir uns mal den Berufsverband der Düsenjägerpiloten an. Tritt er besonders forsch auf? Läßt er sich nichts gefallen? Im Gegenteil. Hier wird genauso über angeblich unzumutbare Arbeitsbedingungen gejammert wie man es aus anderen Berufsgruppen kennt.

Der Kick, sich überwunden und damit etwas Unglaubliches geschafft zu haben, ist nicht automatisch übertragbar auf couragiertes Handeln im Alltag. Ein Bungee-Springer riskiert vielleicht seine Gesundheit, aber nicht, sich in seiner sozialen Gruppe unbeliebt zu machen. Bei Mutproben heißt Mut: sich trauen und springen. Im Alltag heißt Mut: nicht locker lassen, Nachteile einstecken, durchhalten, einen langen Atem beweisen.

Aber wer kann das schon? Wer will das schon? Jeder Mensch ist anders. Was geht es uns an, was der Einzelne macht oder vermeidet?

Eine Menge. Und zwar dann, wenn hinter dem Satz, „Man kann ja doch nichts machen“, die Identität einer ganzen Gruppe steckt. Und wenn ausgerechnet dieses Gremium über ein etwas ausgefallenes Anliegen von – sagen wir mal - Ihnen oder mir zu befinden hat. Da hätten wir schlechte Karten. Eine Gemeinschaft von Resignierten riskiert keine Entscheidungen, mit denen sie sich einer Kritik aussetzen könnte. An Innovationen ist sie nicht interessiert.

Beispiele für solche Gruppenidentitäten kennt jeder. Wenn das gesamte Team auf einer Krankenhausstation resigniert hat; wenn die Mitarbeiter eines Altenheims sich ohnmächtig fühlen; wenn ein Lehrerkollegium bei jedem  Änderungsvorschlag müde abwinkt. Wehe der Anfängerin, die, frisch aus der Ausbildung und hochmotiviert, in einer solchen Gruppe landet. Wehe auch den Schulkindern, den Altenheimbewohnern, den Krankenhauspatienten. Gerade dort, wo sie nicht ausweichen können, sind sie womöglich auf Menschen angewiesen, die sich selbst ausschließlich als Opfer sehen und sich in keiner Weise für ihre eigenen Arbeitsbedingungen mitverantwortlich fühlen.

 

In Deutschland – will man ausländischen Beobachtern glauben - scheint Resignation ein weitverbreitetes Phänomen zu sein. Es fällt besonders den Vertretern jener Länder auf, in denen die Verhältnisse tatsächlich desolat sind.  Zum Beispiel, wenn sich Mitglieder einer Delegation aus Afrika hier auf Informationsreise befinden. In Sozialbehörden, Institutionen und Gremiem begegnen die Gäste immer wieder dem „Problem an sich“. Nicht die Leistungen und das Gelungene stehen bei der Darstellung der Arbeit im Vordergrund, sondern die Schwierigkeiten. Es sind immer die gleichen Sätze, die von den Wortführern zu hören sind: „Wir haben da das große Problem, daß...“ Wobei die Annahme, daß die Probleme eigentlich unlösbar sind, bereits mitschwingt. Für Afrikaner  klingt das grotesk. Sie können darüber eigentlich nur Witze machen, und sie tun es auch.

 

Sich ohnmächtig zu fühlen, ist gewiß keine typisch deutsche Eigenschaft, aber sie scheint hier besonders auffällig zu sein – vielleicht, weil man von uns Deutschen eigentlich etwas anderes erwartet. Hätten wir nach dem grandiosen Erlebnis des Mauerfalls nicht allen Grund, fest daran zu glauben, daß Veränderungen möglich sind?

Das ist aber kaum spürbar. Erinnern wir uns an das, was geschah, als sich der Mauerfall zum zehnten Mal jährte. Von Freude keine Spur. Von Dankbarkeit auch nicht. Kein Stolz auf das, was inzwischen erreicht wurde. Nur kleinkarierter politischer Streit. Nur gegenseitige Vorwürfe. Ein französischer Politiker sagte dazu kopfschüttelnd: „Wir würden feiern. Und was macht ihr?“

Wir jammern über unsere Probleme. Die Ohnmächtigen klagen die Mächtigen an. Offenbar empfinden sich viele Menschen schnell als Opfer der Verhältnisse, an denen, wie sie sagen, „nunmal nichts zu ändern ist“.

Meiner Meinung nach gibt es da keinen Unterschied zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen. Daß man im Westen behauptet, die im Osten hätten das Jammern gepachtet, halte ich für pure Projektion.

In einem Interview zu seinem hundertsten Geburtstag sagte der Philosoph Georg Gadamer: "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wenig Menschen wissen wollen, wenn sie sich ohnmächtig fühlen."

Gadamer bezog seine Aussage auf die Nazizeit. Aber heute? Wann und wo trifft die Beurteilung „Man kann ja doch nichts machen“ tatsächlich zu? Nicht einmal ein todgeweihter Patient würde eine solche Aussage von seinem Arzt hören. Weil dieser Satz 1. brutal ist und  2. einfach nicht zutrifft. Man kann immer etwas machen. Auf den Arzt bezogen heißt das: Wenn nicht heilen, dann mildern, die Schmerzen verringern , Trost geben - und dafür sorgen, daß der Sterbende von seinen Angehörigen oder anderen erfahrenen Menschen gut begleitet wird.

Aber warum ist die unrealistische Einstellung „Man kann ja doch nichts machen“ gerade in sozialen Einrichtungen und Organisationen so weit verbreitet. Wem nutzt sie? Worin liegt der Gewinn, sich als Opfer zu sehen?

Über den ersten Vorteil wurde bereits etwas gesagt. Man fühlt sich mit dieser Haltung in guter Gesellschaft: in der Gemeinschaft der Opfer. Man hat stets ein gemeinsames Thema, denn die Situationen, die beweisen, daß man nichts machen kann, hören ja zum Glück nie auf. Und stets kann man auf „die da oben“ schimpfen. Die Chefs sind es, von denen man sich im Stich gelassen fühlt, obwohl sie doch eigentlich, wie gute Eltern, für einen zu sorgen hätten.

Der zweite Gewinn liegt ebenfalls auf der Hand. Menschen, die sich ohnmächtig fühlen, müssen sich nicht der Mühe von Veränderungen unterziehen. In den meisten Pflegebereichen – um bei diesem Beispiel zu bleiben - ist es leicht, eine neue Stelle zu finden. Unzufriedene Mitarbeiter könnten also Druck machen, indem sie mit der Kündigung drohen und schlimmstenfalls den Arbeitsplatz wechseln. Aber Menschen in Pflegeberufen sind in der Regel so gestrickt, daß sie es darauf nicht ankommen lassen wollen. Statt dessen behaupten sie: „Woanders ist es auch nicht besser“. Was einfach nicht stimmt.

Sie kommen nicht auf die Idee, andere Einrichtungen zu besichtigen und dort mit den Kollegen zu sprechen. Für sie ist es günstiger, eine Alternative erst gar nicht in Betracht ziehen. So können einfach immer weiter machen – bis zum „Burn out“ - und sich einreden, sie als Opfer seien jeder Verantwortung enthoben.

Die Gesetze  kommen zu einem anderen Schluß, und eine ethische oder womöglich christliche  Sichtweise erst recht. Auch Opfer können zu Tätern werden. Eine Altenpflegerin, die nicht massiv Alarm schlägt, wenn die Versorgung der Bettlägrigen nicht mehr zu gewährleisten ist, macht sich strafbar. Das ist ein sehr störender Gedanke in der Gemeinschaft der Opfer, die glaubt: Schuld sind immer nur die anderen, die Mächtigen.

Hier kommen wir zum dritten, zum entscheidenden Gewinn: Als Opfer sieht man sich automatisch auf der Seite der Guten.

Natürlich ist es ein großer philosophischer Irrtum zu glauben, man kann nichts verkehrt machen, wenn man nichts tut. Als die europäischen Regierungen sich weigerten, dem bosnischen Volk zur Hilfe zu kommen, machten sie sich schuldig. Als sie ein paar Jahre später, um die Vertreibung aus dem Kosovo zu stoppen, die Bomben auf Belgrad befahlen, machten sie sich ebenfalls schuldig.

Gutmenschen sind die Vermeider jeder offenen Konfrontation und Aggression. Sie sind die Bedenkenträger, die in politischen und sozialen Gremien stets warnen, aber nie selbst offensiv handeln. Ihre ungute Rolle im politischen Leben ist bekannt. Im Berufsleben sind sie nicht ganz so leicht zu identifizieren. Sie scheuen den offenen Konflikt. Als die besseren Menschen fühlen sie sich deshalb, weil sie nie laut werden und weil sie sich für selbstlos halten, da sie nichts im eigenen Interesse fordern – aber natürlich auch nicht für die Belange anderer kämpfen. Klarheit zu schaffen ist ihre Sache nicht. Sie gehören zu den Beschwichtigern. Jeden Kollege, der aufbegehrt, versuchen sie zu beschwatzen, die Sache auf sich beruhen lassen.

 

Zu den Gutmenschen gehören auch solche, die glauben, sich ständig aufopfern zu müssen. Sie werden nicht müde zu betonen, daß sie in ihrer Arbeit „das Letzte“ geben. Eigentlich müßten sie es besser wissen. Erst recht aber der Leiter eines Altenheims, der öffentlich oder halböffentlich seine Bewunderung für soviel Opferbereitschaft ausdrückt.

Ihm sollte man die Kontrolleure ins Haus schicken.

Kann eine ständig überforderte Mutter ihren Kindern das geben, was sie brauchen? Wer stets „das Letzte“ gibt, pfeift auf dem letzten Loch. Von ihm ist wenig zu erwarten.

 

Gutmenschen kann man auch daran erkennen, daß sie wenig Verhandlungsspielraum anbieten. Sie lieben Maximalforderungen, auch in ethischen Fragen. Sozialen Neuerungen stimmen sie nur dann zu, wenn sie für niemanden, - wirklich niemanden - Mehrkosten bedeuten. Das diktiert ihnen ihr Gerechtigkeitssinn. In Zeiten der leeren öffentlichen Kassen ist diese Haltung, wenn sie sich durchsetzt, das Totschlagargument.

Dazu eine typische Diskussion in einem kirchlichen Gremium. Es ging um Beerdigungen, und zwar vor dem Hintergrund, daß in den Trauerhallen der Friedhöfe die Feiern im 15-Minunten-Takt abgewickelt werden müssen. Ein Großstadt-Thema. Könnte man nicht, so wurde im Presbyterium gefragt, statt dessen die Trauerfeiern in der Kirche stattfinden lassen, was bedeuten würde: die Toten in die Kirche holen?

Die Antwort lautete: Nein. Das wird zu teuer. Es würden ein paar hundert Mark mehr an Transportkosten für den Sarg entstehen. Das wollen wir nicht. Denn das ist einigen Familien in der Gemeinde nicht zuzumuten.

Dem hatte die Mehrheit im Gremium kopfnickend zugestimmt. Natürlich fiel der Satz, der immer fällt, wenn man sich mit einem Anliegen gar nicht erst beschäftigen möchte: „Da kann man nichts machen“

Niemand bemühte sich, einmal genauer hinzuschauen: Wie viele Beerdigungen haben wir pro Jahr? Wie viele Angehörige würden sich eine Trauerfeier in der Kirche überhaupt wünschen? Und wie viele davon würden sich die Mehrkosten nicht leisten können?

Ich vermute mal, es wäre bei zwei oder drei Beerdigungen der Fall gewesen. Das hätte für die Gemeinde 1000 Mark bedeutet. Ist das eine Summe, an der man das Angebot eines würdenvollen Abschieds in der eigenen Kirche scheitern läßt?  Hier, an diesem Ort, wo der Tote geheiratet hat und seine Kinder getauft wurden...

Und ich vermute weiterhin, sollte in nächster Zeit eine Witwe beim Pfarrer um eine solche Trauerfeier im vertrauten kirchlichen  Raum bitten, wird dieser ablehnen und sagen: „Ich verstehe Sie ja. Aber verstehen Sie mich bitte auch...“ Und dann wird er das Argument von der vermeintlichen Gerechtigkeit hervorholen. Kann sein, daß es sich um eine Frau handelt, die stets schnell nachgibt. Wünschen aber würde ich mir, daß sie beharrlich bleibt und sagt: „Hören Sie mal, Herr Pfarrer, dieser Satz  - Ich versteh Sie ja, aber verstehen Sie mich auch - den hat mein Sohn gerade in der Verkaufsschulung gelernt. Damit versucht man, unangenehme Kunden abzuwimmeln. In Wahrheit heißt der Satz: Ich versteh Sie ja – aber es ist mir egal!“

Ja, ich wünsche mir, daß diese Frau so beharrlich bleibt, wie die Witwe im biblichen Gleichnis „vom ungerechten Richter“.

Das Letzte, was ja dieser Mann im Sinn hat, ist, der Witwe zu ihrem Recht zu verhelfen. Aber sie ist hartnäckig. Sie bedrängt ihn wieder und wieder. Und was geschieht? Der Richter, der von sich selbst sagt, daß er Gott und die Menschen verachtet, gibt schließlich nach. Warum? Weil er befürchtet, die Witwe könnte ihm eines Tages ins Gesicht schlagen.

Ob auch Jesus das glaubte, erfährt man nicht. Ihn interessierte letztlich nur die Wirkung ihres Verhaltens. Er benutzte das Gleichnis, um zu beharrlichem Beten aufzufordern. Wenn Unbeirrtheit und Hartnäckigkeit selbst bei einem so harten Brocken wie dem Richter zum Erfolg führen, um wieviel mehr – fragte Jesus rhetorisch – wird Gott denjenigen, die sich Tag und Nacht so dringlich an ihn wenden, zu ihrem Recht verhelfen?

Jesus war kein Macho. Offenbar hatte er Freude an starken Frauen. Zu seiner Zeit war die soziale Position der Witwen extrem schlecht. Dennoch gab es immer wieder Frauen, die ihre Opferrolle nicht akzeptierten und dabei den einzigen Weg wählten, der ihnen blieb: den Autoritätspersonen und Mächtigen unablässig auf die Nerven zu gehen.

Zeitsprung. Reden wir – wie es derzeit modisch ist – von den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Aber reden wir nicht von gewaltbereiten Demonstranten, sondern reden wir von dem politischen und sozialen Klima, in dem sich die Frauenbewegung ausbreitete.

Reden wir von einer Zeit, als es Frauen kaum möglich war, sich aus schrecklichen Ehen zu befreien und sie in Fragen des Schwangerschaftsabbruchs völlig allein gelassen wurden. Reden wir von einer Zeit, als man immer noch den Satz hörte „Eine deutsche Frau raucht nicht auf der Straße“.

Ich erinnere mich noch gut, daß es in den siebziger Jahren allen Ernstes in den Funkhäusern hieß, weibliche Stimmen eigneten sich nicht, um den Inhalt politischer Informationen im Radio zu vermitteln. Es gab deshalb keine Nachrichten-Sprecherinnen, sondern nur Sprecher. Die Polit- und Sport-Moderatoren im Fernsehen waren ausschließlich Männer.

Reden wir also von der Zeit, als das Wort „Emanze“ entstand. Emanzen waren aufmüpfig und frech. Ihr Bedürfnis, aufzufallen und ihre schrillen Töne fanden nicht nur die Männer, sondern auch viele Frauen abstoßend. Aber kalt ließen sie niemanden. Das schlug sich natürlich auch in den Medien nieder. Dort reagierte man entsetzt oder verschreckt, je nachdem, aber in jedem Fall waren die Emanzen in den Schlagzeilen. Und nach und nach erschienen in Zeitschriften und im Fernsehen auch nachdenkliche Beiträge, die sich mit den politischen Forderungen auseinandersetzten und sich diese teilweise zu eigen machten.

Und was hat das Ganze gebracht? Viel oder wenig? Die Meinungen dazu gehen weit auseinander.

Hier sind einige der greifbaren Ergebnisse nach 25 Jahren: eine liberalisiertes Ehe- und Familienrecht, ein erheblich gestiegener Frauenanteil in den Parlamenten,  eine Bundesregierung mit fünf Ministerinnen, eine Parteivorsitzende, drei Bischöfinnen, ein halbes Dutzend TV-Kommissarinnen und ein bis zwei Generationen von Frauen, die so gut ausgebildet sind wie nie zuvor.

Daneben steht auf der  Minusseite: Frauen sind  nach wie vor unterbezahlt und überproportinal arbeitslos. Der Mangel an Kindergartenplätzen existiert weiterhin.

 

Die bewegte Frauenzeit im westlichen Deutschland dauerte nicht lange. In den achtziger Jahren war sie schon in sich zusammengefallen. Zu einer großen schwesterlichen Umarmung zwischen Ost- und West kam es auch nach der Wende nicht. Heute sind Frauen wieder Einzelkämpferinnen, wie unsere Witwe im Gleichnis.

Durchsetzungsfähige Frauen geraten immer noch schnell in den Ruf, rabiat und unweiblich zu sein. Sind sie dagegen - wie Maybritt Illner, die donnerstags im ZDF eine Politikrunde moderiert - unübersehbar hübsch, feminin, kompetent und gutgelaunt, dann geraten die nimmermüden Kritiker ins Schleudern. Zwanzig Jahre lang haben sie gemahnt, daß die Frauen nicht wie die besseren Männer auftreten dürften, und nun sowas! Bei Illner wird gelacht und geflirtet, selbst auf dem Höhepunkt der BSE-Krise.

Eine Generation hat es gedauert. Ein schöner Erfolg auch der Emanzen, finde ich. Wären die Frauen damals artig geblieben, wären sie nicht den Verantwortlichen so ausdauernd auf die Nerven gegangen, dann hätte nur ein Bruchteil der Frauen, die heute in den Medien präsent sind, aufsteigen können. Vielleicht würden anstelle von Maybritt Illner immer noch Männer vom Schlage eines Klaus Bednarz die Politiksendungen dominieren.

Sie abzuschaffen, war zwar nicht das Ziel der Frauenbewegung. Aber gut, daß es so gekommen ist.  Politik ist  so viel interessanter, wenn sie nicht von Trauerklößen präsentiert wird. Man muß eben auch die Erfolge wahrnehmen können, die sich quasi nebenbei  eingestellt haben.

„Man kann ja doch nichts machen...“ ?

Gilt nicht.                                                                                     



Letzte Aktualisierung am 18.04.2009