Die Wunden sind schlecht vernarbt
von Sabine Bode
Als Kinder spielten wir auf der Straße ein Spiel, in dem es um Landeroberung
ging. Es hieß: "Deutschland erklärt den Krieg!" Dabei mußte man sich auf den
Boden legen, um mit Hilfe seiner Körperlänge möglichst viel Territorium für sich
zu reklamieren. Wir lagen im Dreck, denn Asphaltbelag gab es damals nur für die
Autos. Von der Mutter hörte man den Seufzer: "Du siehst aus wie ein Schwein. Wie
schaffst du das nur?" An einer Antwort war sie schon nicht mehr interessiert.
Wer vier Kinder hat und keine Waschmaschine, dem fehlt die Zeit, sich in die
Freizeitvergnügen der lieben Kleinen hineinzuversetzen.
Das muß Anfang der Fünfziger gewesen sein. Ich war sechs Jahre alt, und ich
kann mich nicht erinnern, daß irgendein Erwachsener uns an diesem Spiel
gehindert hätte.
Zu Beginn wurde unter uns Kindern ausgehandelt, wer welches Land
repräsentierte. Am begehrtesten waren die USA, dicht gefolgt von Rußland.
Deutschland lag auf dem dritten Platz. England und Frankreich galten als gleich
stark, aber sie bildeten die Schlußlichter der Beliebheitsskala. Was Krieg
tatsächlich bedeutete, davon hatten wir keine Ahnung. Ein abstrakter Begriff,
wie das Meer. Das kannte auch keiner von uns. Strandurlaube gab's noch nicht.
Fernsehen auch nicht.
Unser Wissen beschränkte sich auf das, was man so vom Hörensagen kannte. Und
danach waren die USA und Rußland mächtiger als Deutschland, und das fanden wir
attraktiv.
Jahrzehnte habe ich nicht an dieses Spiel gedacht. Es fiel mir wieder ein,
als ich in diesem Frühjahr vor einem Zeitungskiosk stand. Dort kam es zu einer
Fehlschaltung in meinem Gehirn. Anstelle der Schlagzeile "Deutschland im Krieg!"
las ich: "Deutschland erklärt den Krieg!"
Das Unterbewußte hatte meine Wahrnehmung irritiert. Es dauerte noch einige
Wochen, bis ich begriff, daß auch anderen so etwas passierte. Aber wie harmlos
war meine Verwechslung im Vergleich zu dem, was von den Nato-Luftangriffen in
deutschen Gremien, Freundeskreisen und Familien ausgelöst wurden. Denn ich bin
davon überzeugt, daß der Grund nicht nur die Klemme war zwischen den beiden
Dogmen "Nie wieder Krieg!" und "Nie wieder Völkermord!" Dem Streit und den
Feindseligkeiten, die über das Pro und Kontra ausbrachen, lag noch Tieferes
zugrunde.
Wie immer, wenn die nationale Verwirrung groß ist, lohnt es sich, über eine
der wunderschönen freien Grenzen zu fahren, womit sich Europa inzwischen von
seiner allerbesten Seite zeigt.
Ein Sonntag in einem Wassersportklub an der holländischen Küste. Gutes
Wetter, schöner Wind. Dennoch war die Stimmung etwas gedämpft. Niederländische
und deutsche Segler diskutierten über den Kosovo-Krieg. Zustimmung und
Ablehnung der Nato-Angriffe gab es in beiden Ländern. Aber dann wurde, wie im
Brennglas, der große Unterschied deutlich. Während die Niederländer
nachdenklich und besorgt Argumente austauschten, war unter den Deutschen
ein böser Hickhack entbrannt. Jeder warf dem anderen vor, seine Position
wäre unmenschlich. Es wurde über den "Kriegstreiber Joschka Fischer" hergezogen.
Für die Holländer war das unbegreiflich. Was ist nur mit den Deutschen los?
Zeitsprung. Zwei Monate später. Der Krieg ist aus. Für die Deutschen ist er
kein Thema mehr. Anders die holländischen Segler. Sie sprechen davon, wie
erleichtert sie sind. Und man sieht es ihnen an - ihre Dankbarkeit dafür,
daß Schlimmeres verhindert wurde. Daß kein Flächenbrand entstanden
ist.
Ein Segler meint: "Auch eine Militärmacht kann kentern. Daß die Nato nicht
das Schicksal der Titanic erlitten hat, das haben wir unter anderen eurem
Außenminister zu verdanken." Die Holländer lachen über das Bild, aber die
Deutschen, die dabei stehen, wenden sich wortlos ab. Ihre Rücken sagen deutlich:
Wir wollen damit nichts mehr zu tun haben.
Ich erinnere mich an einen Inder, mit dem ich einmal über Kulturunterschiede
sprach. Der Inder sagte: Bei den Deutschen ist das so: Wenn irgendeine
gefährliche Situation droht, dann malen sie sich die schrecklichsten Folgen aus.
Tagelang, wochenlang machen sie sich gegenseitig verrückt. Aber wenn dann die
Gefahr vorüber ist, oder wenn sich die Schäden in Grenzen gehalten haben, wenn
also das Schrecklichste nicht eingetreten ist - dann freuen sie sich
nicht einmal darüber!
Woher kommen diese offensichtlichen nationalen Unterschiede? Auch die
Niederlande sind Mitglied der Nato. Auch hier gibt es die beiden Dogmen "Nie
wieder Krieg!" und "Nie wieder Völkermord". Auch die Holländer wissen noch, was
Luftkrieg bedeutet. 50 Kilometer vom Segelklub entfernt liegt Rotterdam. Die
Stadt ist von deutschen Bomben fast komplett zerstört worden. Auch die Holländer
haben in den endlosen Jahren des Bosnien-Kriegs das Elend einer ethnischen
Vertreibung mit 200 000 Toten im Fernsehen verfolgt und sich mit der Frage
gequält: Irgendjemand müßte doch eingreifen... Warum konnten sie besorgt, aber
doch nüchtern über den Kosovo-Konflikt reden, und wir Deutschen nicht? Warum
konnten wir nur streiten oder schweigen?
Als die Nato Bomben über Belgrad abwarf, war das Thema "Krieg" Sprengstoff
für viele Beziehungen. Warum hatten die aggressiven Debatten in der Partei der
Grünen soviel Ähnlichkeit mit einem handfesten Familienkrach? Er fand seine
Entsprechung im Privaten, denn auch hier wurden häufig vernünftige Worte wurden
nicht mehr gefunden. Feste wurden abgesagt. Freundschaften waren bedroht, nicht
wenige sind daran zerbrochen. Häufig ging ein Riß durch die Familie.
Warum fängt bei uns der Streit bereits bei den Fakten an, und nicht erst bei
den Positionen?
Zum Beispiel die Kontroverse, als Fischer die Vertreibung aus dem Kososo mit
Auschwitz verglich: Da lagen doch die Fakten klar auf der Hand. Kaum etwas
anderes ist so gut erforscht wie Auschwitz, seine Vorgeschichte, seine Folgen.
Darüber muß man doch nicht streiten. Darüber müßte man auch nicht lange Artikel
schreiben. Fischer hat emotional reagiert, das ist menschlich. Das ist alles.
Eigentlich hätte das jeder sehen müssen. Woher also die Aufregung? Warum die
ausgedehnten Belehrungen in den Printmedien?
Ich habe mir sagen lassen, daß Italiener, Franzosen und Engländer hierin
ebenfalls ein typisch deutsches Verhalten sehen. In internationalen Gremien -
zum Beispiel bei Politikern, Kirchenvertreter oder Umweltschützern - gilt es als
ärgerlich, daß die Deutschen häufig soviel Zeit brauchen, um sich über
unbestrittene Tatsachen zu einigen. Und das geschieht meistens dann, sobald bei
einem Thema irgendwelche, fast immer unbewußten Verbindungslinien zur Kriegs-
und Nazizeit bestehen. Wehe dem Italiener, Franzosen oder Engländer, der den
Hinweis einstreut, daß hier womöglich Unerledigtes aus der Vergangenheit mit im
Spiel sei und so der Zugang zur Nüchternheit erschwert sei. Da hüpft der
Floh über. Dann wird derjenige, der den Einwand wagte, zum Gegner: Er wird
abgestempelt als jemand, dem es an Gründlichkeit mangelt, der Entscheidungen auf
die leichte Schulter nimmt.
Ich glaube, das Einfachste, was sich zur Kosovo-Erschütterung sagen läßt, ist
dies: Sie hat uns überfordert, emotional und häufig auch intellektuell. Als
völlig unzureichend erwiesen sich monokausale Schlüsse, ein simples Wenn-Dann,
Schwarz oder Weiß, Freund oder Feind. Man brauchte schon das Instrument des
komplexen Denkens, um sich das Unüberschaubare wenigstens ansatzweise vorstellen
zu können. Allein, daß es sich in Wahrheit um zwei Kriege handelte - ohne
Mandat, ohne Kriegserklärung - fiel vielen Menschen äußerst schwer. Stop the
war, wurde gerufen. Wenn man fragte: Welchen Krieg meint ihr, waren die
verdutzt.
Ihren Seelenfrieden behielten eigentlich nur diejenigen, die nicht müde
wurden, zu betonen: Wir haben rechtzeitig gewarnt, erst vor dem Morden im
Kosovo, und dann - ebenso rechtzeitig - vor dem Scheitern der Nato-Intervention.
Geholfen hat man damit niemandem - nicht den Flüchtlingen, nicht den Männern im
Massengrab, nicht vergewaltigten Frauen, nicht den Bombenopfern in Belgrad und
genauso wenig den Politikern und Militärs bei ihrem Ringen um eine Lösung. Aber
wer so dachte, fühlte sich als guter Mensch, er schlief den Schlaf der
Gerechten.
Andere schlugen sich mit ihrem Gewissen herum und quälten sich wochenlang mit
einem Wechselbad der Gefühle. In einer Zeitung las ich die Beschreibung meines
eigenen Zustandes: Nach den Spätnachrichten im Fernsehen sagt man: Schluß mit
den Nato-Bomben! Und man geht zu Bett mit dem Vorsatz, sich irgendeiner
Initiative anzuschließen, die das Gleiche will. Am nächsten Morgen, nach der
Zeitungslektüre, sagt man: Milosovic muß gestoppt werden! Abends ein Nein zu den
Nato-Angriffen, morgens ein Ja. Oder umgekehrt.
Man erleichterte sich ein bißchen, indem man für die Flüchtlinge spendete.
Vielleicht hätte es gut getan, in derselben Weise humanitäre Hilfe für Menschen
in Belgrad zu leisten, aber eine entsprechende Kontonummer war im Fernsehen
nicht zu entdecken.
Aber man muß die Proportionen im Blick behalten, was im Zusammenhang mit
diesem Kriegsgeschehen das Allerschwierigste zu sein scheint. Ich möchte hier
nicht als selbstmitleidig gesehen werden. Zweifellos war es schlimmer, all diese
Gewalt real zu erleiden, als sie im Fernsehen zu verfolgen.
Je länger die Luftangriffe dauerten, um so mehr beneidete ich diejenigen,
denen es gelang, die beiden Kriegen weitgehend zu ignorieren. Angeblich war das
auch an den deutschen Universitäten der Fall. In der ZEIT schrieb ein
Jurastudent über das auffällige Schweigen auf dem Campus, das Vermeiden eines
Themas, bei dem sich die Medien überschlugen. Hier denkt er laut über seine
Erziehung nach. Er ist geprägt durch die zwei Worte "Nie wieder". Sie habe
seiner Generation die Fähigkeit genommen, über den Krieg nachzudenken und zu
sprechen. Aus der Geschichte hätten sie nur das definitive "Nie wieder" gelernt
- beglaubigt durch 50 Jahre Frieden.
Lieber spricht man also über Autos, Fußball oder Internet. Da kennt man sich
aus. Für einen Krieg - womöglich gar einen gerechten Krieg - hat man keine
Kriterien.
Glückliche Jugend, die sich nur darüber den Kopf zerbricht, was sie kennt.
Aber waren wir früher anders? Soweit ich mich erinnere, haben wir uns wegen des
Vietnamkriegs nicht den Kopf schwer gemacht. Wir sind auf die Straße gegangen,
ohne zu wissen, was wirklich Sache war. Damals reichte uns das. Es bestand für
uns kein Zweifel, daß wir auf der richtigen Seite standen. Rückblickend
erscheint es mir naiv - aber wir waren uns unserer Sache hundertprozentig
gewiß.
Wo gibt es das heute noch? Einmal habe ich es erlebt. Ich glaube, es war am
50. Tag der Luftangriffe. Vor dem Hamburger Hauptbahnhof standen zwei junge
Frauen und zitierten abwechselnd und schreiend aus Schillers Glocke. Neben ihnen
lag eine lebensgroße Puppe, Wollmaske über dem Gesicht, den Oberkörper leicht
angehoben, hilflos. Sie war eingeschlossen von einem fünfzig Zentimeter hohen
Stacheldraht. Die Frauen legten den Text beiseite, und aus einem Ghettoblaster
ertönten Luftschutzsirenen und das Geräusch von Explosionen. Sie wandten sich
der Puppe zu, sprangen um sie herum und beschimpften sie: "Verbrecher",
"Hitler", "Du bist an allem schuld". "Dich machen wir fertig, jawohl!"
Dann wurden im Publikum sogenannte Wasserbomben verteilt, es waren mit Wasser
gefüllte Luftballons. Mit ihnen sollte, wie es hieß, "der Feind zu bestraft
werden". Erst zögernd, dann immer heftiger gingen die Wasserbomben auf die Puppe
nieder, bis sie, nun noch hilfloser, auf dem Rücken lag und alle Viere von sich
streckte.
Weil ich meinen Zug nicht verpassen wollte, weiß ich nicht, wie die Aktion
weiter ging, oder ob das schon das Ende war. Die jungen Frauen haben mir
gefallen, ihr Engagement, ihr Mut - auch wenn sie nur einen Krieg im
Blick hatten, während es in Wahrheit zwei waren. Was mag ihr Beweggrund gewesen
sein? Ein Sinn für Gerechtigkeit, der sich automatisch auf die Seite des
Schwächeren stellt? Erschien ihnen Milosovic schon deshalb als Opfer, weil die
Nato-Macht ihm so unendlich überlegen war? Oder war es ein Protest gegen den
Luftkrieg schlechthin, in dem unvermeidbar auch Zivilisten getötet werden.
Ich frage mich, ob die Akteurinnen wußten, was sich 56 Jahre zuvor, genau
dort, wo sie sich befanden, abgespielt hatte. Vom 25. Juli bis zum 3. August
1943 - innerhalb von zehn Tagen - starben in Hamburg durch Luftangriffe 40 000
Menschen. Über 100 000 wurden verletzt, annähernd eine Million wurde
obdachlos.
Haben die jungen Frauen davon durch ihre Großeltern erfahren? Durch ihre
Lehrer, durch Nachbarn, durch irgendwelche älteren Menschen, die sich auch heute
noch bei Probealarm am liebsten unter dem Tisch verkriechen würden? Kann sich
irgend jemand, der es nicht selbst erlebt hat, wirklich vorstellen, was
Luftkrieg bedeutet? Wer macht sich bewußt, daß vielerorts die Nächte im
Luftschutzkeller nicht in Wochen oder Monaten gezählt wurden, sondern in Jahren?
Wer weiß, was dies für die Kinder bedeutete? Wer hat schon einmal von dem
unerträglichen Kribbeln in den Oberschenkeln gehört - wenn die Kinder im Keller
nicht schlafen konnten, wenn sie ruhig dasitzen mußten und auf keinen Fall vor
Angst schreien durften. Eine Bekannte erzählte mir: "Als der Krieg vorbei war,
sagte ich zu meiner Mutter: Endlich kann ich mal wieder im Nachthemd zu Bett
gehen. Wir Kinder sind nämlich eineinhalb Jahre immer nur angezogen schlafen
gegangen."
Es gibt in London ein Luftschutzmuseum, an einem Original-schauplatz. Sehr
bewußt werden Schulklassen dorthin geführt, um sie sensibel zu machen für das
Leid der Zivilisten in den Kellern, während deutsche Flieger die Stadt
bombardierten. Auch in Deutschland hat man Zugang zu ehemaligen
Luftschutzräumen. Vor einigen Jahren fand in Köln eine Ausstellung in einem
Bunker statt, ein fensterloses stickiges Gebäude, in dem bis heute Markierungen
in Phosphorfarbe sichtbar sind. Etwa 20 Künstlerinnen - alle nach dem Krieg
geboren - präsentierten hier ihre Werke. Nicht eine der Frauen hatte in ihrer
Arbeit Bezug genommen auf den Bunker. Seine ehemalige Funktion spielte keine
Rolle - auch nicht, was Menschen hier erlebt hatten. Offenbar gehörte der Bunker
in die Kategorie der exotischen Veranstaltungsorte, wie verfallene Fabrikhallen
oder der Innenraum einer Brücke.
Zum gleichen Zeitpunkt machte ein in London lebender deutscher Schriftsteller
mit dem Namen Sebald auf einen blinden Fleck aufmerksam. Ihm war aufgefallen,
daß der Luftkrieg kaum je in der deutschen Nachkriegsliteratur behandelt worden
ist - obwohl es sich um Erfahrungen handelt, die Millionen Menschen miteinander
teilen. Sebald sprach darüber während einer Vorlesung in Zürich.
Einem SPIEGEL-Autor fiel zunächst das Kuriose auf: daß da jemand über den
Umweg London-Zürich etwas angestoßen hatte, wofür die Deutschen offenbar kein
Sensorium besaßen. Sebald hatte gesagt: "Es gibt kaum Beschreibungen der
riesigen Feuerbrände und der Steinwüsten, die aus ihnen hervorgingen, nahezu gar
nicht von deutscher Seite."
Man kann nicht behaupten, daß das Aufzeigen dieses Tabus ein nennenswertes
Echo hervorgerufen hat. Vielleicht haben einige Germanisten ungläubig
nachgezählt und sind dabei auf ein halbes Dutzend Romane gekommen. Wenn es sich
um Pädagogen handelte, denen die Vermittlung der Nazi-Zeit am Herzen lag, dann
stießen sie hier auf ein Problem. Stets war es ihnen wichtig gewesen, den
Holocaust und andere Verbrechen der Nazis vor dem Vergessen zu bewahren. Ihre
Schüler sollten wissen, was ihnen die Geschichte als Aufgabe mit auf den Weg
gab. Es ging dabei um Verantwortung, nicht um Schuld. Was geschähe, fragte sich
mancher Lehrer, wenn man nun Kriegsdrama und Trauma auf der deutschen
Seite in den Blick nähme? Würde man nicht den alten und den jungen Nazis
zuarbeiten, die sich ausschließlich als Opfer fühlen und allen anderen die
Schuld geben?
Auch für mich waren solche Bedenken lange Zeit bestimmend. Bis ich 1993 ein
sehr erhellendes Seminar besuchte. Es ging darum, aus Anlaß der
Wiedervereinigung die eigene Familiengeschichte vor dem Hintergrund der
deutschen Geschichte zu erforschen. Ich war nicht die einzige, die befürchtete,
die Nähe meiner Eltern und Großeltern zum Nationalsozialismus wäre größer
gewesen, als sie stets behauptet hatten. Was dann auch während des Seminars
bestätigt wurde.
Zur Vorbereitung hatten wir Familienforschung betrieben. Die Aufgabe lautete:
Alle Daten und Fakten zusammenzutragen, die von 1930 bis 1950 innerhalb der
Verwandtschaft bestimmend gewesen waren: Geburt, Krankheit, Tod, Umzüge,
Berufswechsel, Fronteinsätze, Verwundungen und so weiter. Alle Teilnehmer
zeigten sich erstaunt über die Tatsache, wie wenig sie über ihre Familien
wußten. Das war die erste Gemeinsamkeit. Die zweite Gemeinsamkeit bestand darin,
zu erkennen, daß wir zwar über die Einstellungen und Funktionen unserer Eltern
in der Nazi-Zeit recht gut Bescheid wußten, aber emotional kaum erfassen
konnten, was der Krieg in unseren Familien angerichtet hatte. Einige der
Teilnehmer hatten ihn noch als Kinder miterlebt. Aber auch für die später
Geborenen wurde während des Seminars deutlich, daß dieser Krieg eine bestimmende
Komponente in ihrer Biographie darstellte: zum Beispiel dann, wenn die Eltern im
Kindesalter durch Flucht, Hunger, Bomben oder den Verlust von Angehörigen
traumatisiert worden waren. Jeder Teilnehmer wußte von wenigstens einem Fall von
Gewalt in der Familie. Die Stichworte hießen: verschüttet, gefallen, vermißt,
Vertreibung, Vergewaltigung, Gefangenschaft, Selbstmord. Die Zahl der Toten in
der engeren Verwandtschaft, die auf das Konto Krieg gingen, waren jedenfalls
weit größer als die Zahl der Teilnehmer. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, daß
es sich hier um einen Durchschnitt deutscher Familien gehandelt hat und nicht um
eine extrem heimgesuchte Gruppe.
Am dritten Tag hatte sich die Veranstaltung zu einem Trauerseminar
entwickelt. Es wurde unendlich geweint. Zu erschütternd war das, was nach 50
Jahren wieder lebendig geworden war. Seitdem ist mir klar, daß wir
Deutschen eine Nazivergangenheit und eine Kriegsvergangenheit
haben. Über die eine wird Gottlob inzwischen offen gesprochen, über die andere
nicht. Offenbar wirkt da ein uraltes Gesetz: Wer dem Volk angehört, in dem die
größten Verbrechen dieses Jahrhunderts begangen wurden, hat keinen Anspruch,
über das eigene Leid zu klagen. Schuld, Scham, Verdrängung und Anpassung haben
ihr übriges dazugetan.
Vermutlich war daran nichts zu ändern. Aber wir sollten uns wenigstens bewußt
machen, daß die in den sechziger Jahren von Alexander Mitscherlich
diagnostizierte "Unfähigkeit zu trauern" bis heute nachwirkt und sich nicht nur
auf die Nazi-Zeit, sondern auch auf den Krieg bezieht.
Am wenigsten wahrgenommen wurden und werden diejenigen, die im Zweiten
Weltkrieg noch Kinder waren. Wieviele werden es sein, die bis heute unter den
Langzeitfolgen leiden aber nicht darüber sprechen, weil sie nie jemand danach
gefragt hat? Ihnen wurde bei Kriegsende gesagt: "Sei still und vergiß. Sei froh,
daß du überlebt hast." Daran haben sie sich bis offenbar heute gehalten.
Mit diesem kleinen Krieg 1999 aber kam bei einer großen Zahl Deutscher das
Unerledigte des großen Krieges zum Ausbruch. Was das bedeutet, ist nur von
wenigen Menschen in seiner ganzen Tragweite verstanden worden. Zu den Ausnahmen
gehört der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Er schrieb: Dieser Krieg
wächst alte Ängste. Eine andere in ihrer Bedeutung oft unterschätzte Art von
"Kollateralschäden."
Es wurde also virulent, was Menschen über Jahrzehnte recht gut unter
Kontrolle halten konnten: ihre eigenen Leiden durch den Zweiten Weltkrieg, und -
nicht selten - deren lebenslange Folgen, auch für spätere Generationen. In
Familien, aber auch in Gremien, deren Mitglieder sich vorher nie wirklich
ausgetauscht hatten über ihre Kriegserlebnisse, kam es deshalb zu Verwirrung und
Mißverständnissen. Denn wenn Angst und Panik untergründig wirken, kann man
einander nicht mehr zuhören. Da wird der Gegner schnell zum Feind - manchmal
sogar der eigene Sohn. Für einen Menschen, der jahrelang jede Nacht in den
Luftschutzkeller hinabstieg, ist es vermutlich nur schwer erträglich, wenn
jemand in seiner Gegenwart Bombenabwürfe begrüßt. Wer sich mit den Vertriebenen
im Kosovo identifiziert, hat womöglich ohnmächtige Wut gespürt, wenn jemand die
Nato-Angriffe verdammte.
Ein Tabu ist erschüttert worden. Der Kosovo-Krieg rührte an schlecht
vernarbte seelische Kriegsverletzungen, über die in deutschen Familien kaum
gesprochen wurde, und die noch weniger den nachwachsenden Generationen
vermittelt worden sind.
"So eine Zeit, wie wir sie erlebt haben, das versteht heute sowieso keiner
mehr". Da haben wir schon oft gehört von den Älteren. Ob das wirklich so ist?
Oder ob Menschen verstummt sind, weil früher, als sie reden wollten, niemand
zugehört hat?
Aber was soll es bringen, wenn wir uns heute noch mit den alten elenden
Geschichten befassen? Mit einem Wort: Verständnis. Womöglich auch ein etwas
günstigeres Klima zwischen den Generationen. Es ist nämlich für eine erwachsene
Tochter keineswegs unwichtig zu wissen, daß ihre Mutter früher vergewaltigt
wurde. Schweigt die Mutter, kann das die Beziehung der beiden dauerhaft stören.
Die Tochter erlebt vielleicht ihre Mutter als hysterisch und männerverachtend,
kennt aber die Ursache nicht. Es kann sein, daß diese Tochter sich daraufhin in
das Gegenteil entwickelt: stets gelassen, auch wenn sie eigentlich aus der Haut
fahren müßte - und völlig unkritisch gegenüber Männern, mit der Folge, daß sie
sich stets mit den Unpassenden zusammentut. Auf keinen Fall so werden zu wollen
wie seine Eltern, ist ja bekanntlich der sicherste Weg, neurotisch und
unglücklich zu werden. Ich kenne einen solchen Fall. Erst als die Tochter
fünfzig Jahre alt war, hat sie von der Vergewaltigung erfahren. Dreißig Jahre
früher wäre besser gewesen, findet sie. Seitdem hat sich das Verhältnis zwischen
Mutter und Tochter sehr gebessert.
Hier haben wir ein Beispiel dafür, wie der Krieg auch die zweite Generation
beschädigen kann. Leider gibt es noch viele andere. Das heißt: Es gibt noch viel
zu heilen. Und wenn Heilen nicht möglich ist, dann doch wenigstens Trösten.
Der Kosovo-Krieg brachte es mit sich, daß aktuelles Geschehen,
Familiengeschichte und Zeitgeschichte durcheinandergerührt wurden. Jetzt ist die
Zeit, das Ganze zu ordnen. Noch leben die Zeitzeugen unter uns.