Kosovo-Erschütterung (1999)

Die Wunden sind schlecht vernarbt

von Sabine Bode

 

Als Kinder spielten wir auf der Straße ein Spiel, in dem es um Landeroberung ging. Es hieß: "Deutschland erklärt den Krieg!" Dabei mußte man sich auf den Boden legen, um mit Hilfe seiner Körperlänge möglichst viel Territorium für sich zu reklamieren. Wir lagen im Dreck, denn Asphaltbelag gab es damals nur für die Autos. Von der Mutter hörte man den Seufzer: "Du siehst aus wie ein Schwein. Wie schaffst du das nur?" An einer Antwort war sie schon nicht mehr interessiert. Wer vier Kinder hat und keine Waschmaschine, dem fehlt die Zeit, sich in die Freizeitvergnügen der lieben Kleinen hineinzuversetzen.

Das muß Anfang der Fünfziger gewesen sein. Ich war sechs Jahre alt, und ich kann mich nicht erinnern, daß irgendein Erwachsener uns an diesem Spiel gehindert hätte.

Zu Beginn wurde unter uns Kindern ausgehandelt, wer welches Land repräsentierte. Am begehrtesten waren die USA, dicht gefolgt von Rußland. Deutschland lag auf dem dritten Platz. England und Frankreich galten als gleich stark, aber sie bildeten die Schlußlichter der Beliebheitsskala. Was Krieg tatsächlich bedeutete, davon hatten wir keine Ahnung. Ein abstrakter Begriff, wie das Meer. Das kannte auch keiner von uns. Strandurlaube gab's noch nicht. Fernsehen auch nicht.

Unser Wissen beschränkte sich auf das, was man so vom Hörensagen kannte. Und danach waren die USA und Rußland mächtiger als Deutschland, und das fanden wir attraktiv.

Jahrzehnte habe ich nicht an dieses Spiel gedacht. Es fiel mir wieder ein, als ich in diesem Frühjahr vor einem Zeitungskiosk stand. Dort kam es zu einer Fehlschaltung in meinem Gehirn. Anstelle der Schlagzeile "Deutschland im Krieg!" las ich: "Deutschland erklärt den Krieg!"

Das Unterbewußte hatte meine Wahrnehmung irritiert. Es dauerte noch einige Wochen, bis ich begriff, daß auch anderen so etwas passierte. Aber wie harmlos war meine Verwechslung im Vergleich zu dem, was von den Nato-Luftangriffen in deutschen Gremien, Freundeskreisen und Familien ausgelöst wurden. Denn ich bin davon überzeugt, daß der Grund nicht nur die Klemme war zwischen den beiden Dogmen "Nie wieder Krieg!" und "Nie wieder Völkermord!"  Dem Streit und den Feindseligkeiten, die über das Pro und Kontra ausbrachen, lag noch Tieferes zugrunde.

 

Wie immer, wenn die nationale Verwirrung groß ist, lohnt es sich, über eine der wunderschönen freien Grenzen zu fahren, womit sich Europa inzwischen von seiner allerbesten Seite zeigt.

Ein Sonntag in einem Wassersportklub an der holländischen Küste. Gutes Wetter, schöner Wind. Dennoch war die Stimmung etwas gedämpft. Niederländische und deutsche Segler dis­kutierten über den Kosovo-Krieg. Zustimmung und Ablehnung der Nato-Angriffe gab es in beiden Ländern. Aber dann wurde, wie im Brennglas, der große Unterschied deutlich. Während die Niederländer nach­denklich und besorgt Argumente austauschten, war unter den Deutschen ein böser Hickhack ent­brannt. Jeder warf dem anderen vor, seine Position wäre unmenschlich. Es wurde über den "Kriegstreiber Joschka Fischer" hergezogen. Für die Holländer war das unbegreiflich. Was ist nur mit den Deutschen los?

Zeitsprung. Zwei Monate später. Der Krieg ist aus. Für die Deutschen ist er kein Thema mehr. Anders die holländischen Segler. Sie sprechen davon, wie erleichtert sie sind. Und man sieht es ihnen an -  ihre Dankbarkeit dafür, daß Schlimmeres verhindert wurde. Daß kein Flächenbrand entstanden ist.

Ein Segler meint: "Auch eine Militärmacht kann kentern. Daß die Nato nicht das Schicksal der Titanic erlitten hat, das haben wir unter anderen eurem Außenminister zu verdanken." Die Holländer lachen über das Bild, aber die Deutschen, die dabei stehen, wenden sich wortlos ab. Ihre Rücken sagen deutlich: Wir wollen damit nichts mehr zu tun haben. 

 

Ich erinnere mich an einen Inder, mit dem ich einmal über Kulturunterschiede sprach. Der Inder sagte: Bei den Deutschen ist das so: Wenn irgendeine gefährliche Situation droht, dann malen sie sich die schrecklichsten Folgen aus. Tagelang, wochenlang machen sie sich gegenseitig verrückt. Aber wenn dann die Gefahr vorüber ist, oder wenn sich die Schäden in Grenzen gehalten haben, wenn also das Schrecklichste nicht eingetreten ist - dann freuen sie sich nicht einmal darüber!

Woher kommen diese offensichtlichen nationalen Unterschiede? Auch die Niederlande sind Mitglied der Nato. Auch hier gibt es die beiden Dogmen "Nie wieder Krieg!" und "Nie wieder Völkermord". Auch die Holländer wissen noch, was Luftkrieg bedeutet. 50 Kilometer vom Segelklub entfernt liegt Rotterdam. Die Stadt ist von deutschen Bomben fast komplett zerstört worden. Auch die Holländer haben in den endlosen Jahren des Bosnien-Kriegs das Elend einer ethnischen Vertreibung mit 200 000 Toten im Fernsehen verfolgt und sich mit der Frage gequält: Irgendjemand müßte doch eingreifen... Warum konnten sie besorgt, aber doch nüchtern über den Kosovo-Konflikt reden, und wir Deutschen nicht? Warum konnten wir nur streiten oder schweigen?

Als die Nato Bomben über Belgrad abwarf, war das Thema "Krieg" Sprengstoff für viele Beziehungen. Warum hatten die aggressiven Debatten in der Partei der Grünen soviel Ähnlichkeit mit einem handfesten Familienkrach? Er fand seine Entsprechung im Privaten, denn auch hier wurden häufig vernünftige Worte wurden nicht mehr gefunden. Feste wurden abgesagt. Freundschaften waren bedroht, nicht wenige sind daran zerbrochen. Häufig ging ein Riß durch die Familie.

Warum fängt bei uns der Streit bereits bei den Fakten an, und nicht erst bei den Positionen?

Zum Beispiel die Kontroverse, als Fischer die Vertreibung aus dem Kososo mit Auschwitz verglich: Da lagen doch die Fakten klar auf der Hand. Kaum etwas anderes ist so gut erforscht wie Auschwitz, seine Vorgeschichte, seine Folgen. Darüber muß man doch nicht streiten. Darüber müßte man auch nicht lange Artikel schreiben. Fischer hat emotional reagiert, das ist menschlich. Das ist alles. Eigentlich hätte das jeder sehen müssen. Woher also die Aufregung? Warum die ausgedehnten Belehrungen in den Printmedien?

Ich habe mir sagen lassen, daß Italiener, Franzosen und Engländer hierin ebenfalls ein typisch deutsches Verhalten sehen. In internationalen Gremien - zum Beispiel bei Politikern, Kirchenvertreter oder Umweltschützern - gilt es als ärgerlich, daß die Deutschen häufig soviel Zeit brauchen, um sich über unbestrittene Tatsachen zu einigen. Und das geschieht meistens dann, sobald bei einem Thema irgendwelche, fast immer unbewußten Verbindungslinien zur Kriegs- und Nazizeit bestehen. Wehe dem Italiener, Franzosen oder Engländer, der den Hinweis einstreut, daß hier womöglich Unerledigtes aus der Vergangenheit mit im Spiel sei und so  der Zugang zur Nüchternheit erschwert sei. Da hüpft der Floh über. Dann wird derjenige, der den Einwand wagte, zum Gegner: Er wird abgestempelt als jemand, dem es an Gründlichkeit mangelt, der Entscheidungen auf die leichte Schulter nimmt.

 

Ich glaube, das Einfachste, was sich zur Kosovo-Erschütterung sagen läßt, ist dies: Sie hat uns überfordert, emotional und häufig auch intellektuell. Als völlig unzureichend erwiesen sich monokausale Schlüsse, ein simples Wenn-Dann, Schwarz oder Weiß, Freund oder Feind. Man brauchte schon das Instrument des komplexen Denkens, um sich das Unüberschaubare wenigstens ansatzweise vorstellen zu können. Allein, daß es sich in Wahrheit um zwei Kriege handelte - ohne Mandat, ohne Kriegserklärung - fiel vielen Menschen äußerst schwer. Stop the war, wurde gerufen. Wenn man fragte: Welchen Krieg meint ihr, waren die verdutzt.

Ihren Seelenfrieden behielten eigentlich nur diejenigen, die nicht müde wurden, zu betonen: Wir haben rechtzeitig gewarnt, erst vor dem Morden im Kosovo, und dann - ebenso rechtzeitig - vor dem Scheitern der Nato-Intervention. Geholfen hat man damit niemandem - nicht den Flüchtlingen, nicht den Männern im Massengrab, nicht vergewaltigten Frauen, nicht den Bombenopfern in Belgrad und genauso wenig den Politikern und Militärs bei ihrem Ringen um eine Lösung. Aber wer so dachte, fühlte sich als guter Mensch, er schlief den Schlaf der Gerechten.

Andere schlugen sich mit ihrem Gewissen herum und quälten sich wochenlang mit einem Wechselbad der Gefühle. In einer Zeitung las ich die Beschreibung meines eigenen Zustandes: Nach den Spätnachrichten im Fernsehen sagt man: Schluß mit den Nato-Bomben! Und man geht zu Bett mit dem Vorsatz, sich irgendeiner Initiative anzuschließen, die das Gleiche will. Am nächsten Morgen, nach der Zeitungslektüre, sagt man: Milosovic muß gestoppt werden! Abends ein Nein zu den Nato-Angriffen, morgens ein Ja. Oder umgekehrt.

Man erleichterte sich ein bißchen, indem man für die Flüchtlinge spendete. Vielleicht hätte es gut getan, in derselben Weise humanitäre Hilfe für Menschen in Belgrad zu leisten, aber eine entsprechende Kontonummer war im Fernsehen nicht zu entdecken.

Aber man muß die Proportionen im Blick behalten, was im Zusammenhang mit diesem Kriegsgeschehen das Allerschwierigste zu sein scheint. Ich möchte hier nicht als selbstmitleidig gesehen werden. Zweifellos war es schlimmer, all diese Gewalt real zu erleiden, als sie im Fernsehen zu verfolgen.

 

Je länger die Luftangriffe dauerten, um so mehr beneidete ich diejenigen, denen es gelang, die beiden Kriegen weitgehend zu ignorieren. Angeblich war das auch an den deutschen Universitäten der Fall. In der ZEIT schrieb ein Jurastudent über das auffällige Schweigen auf dem Campus, das Vermeiden eines Themas, bei dem sich die Medien überschlugen. Hier denkt er laut über seine Erziehung nach. Er ist geprägt durch die zwei Worte "Nie wieder". Sie habe seiner Generation die Fähigkeit genommen, über den Krieg nachzudenken und zu sprechen. Aus der Geschichte hätten sie nur das definitive "Nie wieder" gelernt - beglaubigt durch 50 Jahre Frieden.

Lieber spricht man also über Autos, Fußball oder Internet. Da kennt man sich aus.  Für einen Krieg - womöglich gar einen gerechten Krieg - hat man keine Kriterien.

Glückliche Jugend, die sich nur darüber den Kopf zerbricht, was sie kennt. Aber waren wir früher anders? Soweit ich mich erinnere, haben wir uns wegen des Vietnamkriegs nicht den Kopf schwer gemacht. Wir sind auf die Straße gegangen, ohne zu wissen, was wirklich Sache war. Damals reichte uns das. Es bestand für uns kein Zweifel, daß wir auf der richtigen Seite standen. Rückblickend erscheint es mir naiv - aber wir waren uns unserer Sache hundertprozentig gewiß.

Wo gibt es das heute noch? Einmal habe ich es erlebt. Ich glaube, es war am 50. Tag der Luftangriffe. Vor dem Hamburger Hauptbahnhof standen zwei junge Frauen und zitierten abwechselnd und schreiend aus Schillers Glocke. Neben ihnen lag eine lebensgroße Puppe, Wollmaske über dem Gesicht, den Oberkörper leicht angehoben, hilflos. Sie war eingeschlossen von einem fünfzig Zentimeter hohen Stacheldraht. Die Frauen legten den Text beiseite, und aus einem Ghettoblaster ertönten Luftschutzsirenen und das Geräusch von Explosionen. Sie wandten sich der Puppe zu, sprangen um sie herum und beschimpften sie: "Verbrecher", "Hitler", "Du bist an allem schuld". "Dich machen wir fertig, jawohl!"

Dann wurden im Publikum sogenannte Wasserbomben verteilt, es waren mit Wasser gefüllte Luftballons. Mit ihnen sollte, wie es hieß, "der Feind zu bestraft werden". Erst zögernd, dann immer heftiger gingen die Wasserbomben auf die Puppe nieder, bis sie, nun noch hilfloser, auf dem Rücken lag und alle Viere von sich streckte.

Weil ich meinen Zug nicht verpassen wollte, weiß ich nicht, wie die Aktion weiter ging, oder ob das schon das Ende war. Die jungen Frauen haben mir gefallen, ihr Engagement, ihr Mut - auch wenn sie nur einen Krieg im Blick hatten, während es in Wahrheit zwei waren. Was mag ihr Beweggrund gewesen sein? Ein Sinn für Gerechtigkeit, der sich automatisch auf die Seite des Schwächeren stellt? Erschien ihnen Milosovic schon deshalb als Opfer, weil die Nato-Macht ihm so unendlich überlegen war? Oder war es ein Protest gegen den Luftkrieg schlechthin, in dem unvermeidbar auch Zivilisten getötet werden.

Ich frage mich, ob die Akteurinnen wußten, was sich 56 Jahre zuvor, genau dort, wo sie sich befanden, abgespielt hatte. Vom 25. Juli bis zum 3. August 1943 - innerhalb von zehn Tagen - starben in Hamburg durch Luftangriffe 40 000 Menschen. Über 100 000 wurden verletzt, annähernd eine Million wurde obdachlos.

Haben die jungen Frauen davon durch ihre Großeltern erfahren? Durch ihre Lehrer, durch Nachbarn, durch irgendwelche älteren Menschen, die sich auch heute noch bei Probealarm am liebsten unter dem Tisch verkriechen würden? Kann sich irgend jemand, der es nicht selbst erlebt hat, wirklich vorstellen, was Luftkrieg bedeutet? Wer macht sich bewußt, daß vielerorts die Nächte im Luftschutzkeller nicht in Wochen oder Monaten gezählt wurden, sondern in Jahren? Wer weiß, was dies für die Kinder bedeutete? Wer hat schon einmal von dem unerträglichen Kribbeln in den Oberschenkeln gehört - wenn die Kinder im Keller nicht schlafen konnten, wenn sie ruhig dasitzen mußten und auf keinen Fall vor Angst schreien durften. Eine Bekannte erzählte mir: "Als der Krieg vorbei war, sagte ich zu meiner Mutter: Endlich kann ich mal wieder im Nachthemd zu Bett gehen. Wir Kinder sind nämlich eineinhalb Jahre immer nur angezogen schlafen gegangen."

 

Es gibt in London ein Luftschutzmuseum, an einem Original-schauplatz. Sehr bewußt werden Schulklassen dorthin geführt, um sie sensibel zu machen für das Leid der Zivilisten in den Kellern, während deutsche Flieger die Stadt bombardierten. Auch in Deutschland hat man Zugang zu ehemaligen Luftschutzräumen. Vor einigen Jahren fand in Köln eine Ausstellung in einem Bunker statt, ein fensterloses stickiges Gebäude, in dem bis heute Markierungen in Phosphorfarbe sichtbar sind. Etwa 20 Künstlerinnen - alle nach dem Krieg geboren - präsentierten hier ihre Werke. Nicht eine der Frauen hatte in ihrer Arbeit Bezug genommen auf den Bunker. Seine ehemalige Funktion spielte keine Rolle - auch nicht, was Menschen hier erlebt hatten. Offenbar gehörte der Bunker in die Kategorie der exotischen Veranstaltungsorte, wie verfallene Fabrikhallen oder der Innenraum einer Brücke.

Zum gleichen Zeitpunkt machte ein in London lebender deutscher Schriftsteller mit dem Namen Sebald auf einen blinden Fleck aufmerksam. Ihm war aufgefallen, daß der Luftkrieg kaum je in der deutschen Nachkriegsliteratur behandelt worden ist - obwohl es sich um Erfahrungen handelt, die Millionen Menschen miteinander teilen. Sebald sprach darüber während einer Vorlesung in Zürich. 

Einem SPIEGEL-Autor fiel zunächst das Kuriose auf: daß da jemand über den Umweg London-Zürich etwas angestoßen hatte, wofür die Deutschen offenbar kein Sensorium besaßen. Sebald hatte gesagt: "Es gibt kaum Beschreibungen der riesigen Feuerbrände und der Steinwüsten, die aus ihnen hervorgingen, nahezu gar nicht von deutscher Seite."

Man kann nicht behaupten, daß das Aufzeigen dieses Tabus ein nennenswertes Echo hervorgerufen hat. Vielleicht haben einige Germanisten ungläubig nachgezählt und sind dabei auf ein halbes Dutzend Romane gekommen. Wenn es sich um Pädagogen handelte, denen die Vermittlung der Nazi-Zeit am Herzen lag, dann stießen sie hier auf ein Problem. Stets war es ihnen wichtig gewesen, den Holocaust und andere Verbrechen der Nazis vor dem Vergessen zu bewahren. Ihre Schüler sollten wissen, was ihnen die Geschichte als Aufgabe mit auf den Weg gab. Es ging dabei um Verantwortung, nicht um Schuld. Was geschähe, fragte sich mancher Lehrer, wenn man nun Kriegsdrama und Trauma auf der deutschen Seite in den Blick nähme? Würde man nicht den alten und den jungen Nazis zuarbeiten, die sich ausschließlich als Opfer fühlen und allen anderen die Schuld geben?

Auch für mich waren solche Bedenken lange Zeit bestimmend. Bis ich 1993 ein sehr erhellendes Seminar besuchte. Es ging darum, aus Anlaß der Wiedervereinigung die eigene Familiengeschichte vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte zu erforschen. Ich war nicht die einzige, die befürchtete, die Nähe meiner Eltern und Großeltern zum Nationalsozialismus wäre größer gewesen, als sie stets behauptet hatten. Was dann auch während des Seminars bestätigt wurde.

Zur Vorbereitung hatten wir Familienforschung betrieben. Die Aufgabe lautete: Alle Daten und Fakten zusammenzutragen, die von 1930 bis 1950 innerhalb der Verwandtschaft bestimmend gewesen waren: Geburt, Krankheit, Tod, Umzüge, Berufswechsel, Fronteinsätze, Verwundungen und so weiter. Alle Teilnehmer zeigten sich erstaunt über die Tatsache, wie wenig sie über ihre Familien wußten. Das war die erste Gemeinsamkeit. Die zweite Gemeinsamkeit bestand darin, zu erkennen, daß wir zwar über die Einstellungen und Funktionen unserer Eltern in der Nazi-Zeit recht gut Bescheid wußten, aber emotional kaum erfassen konnten, was der Krieg in unseren Familien angerichtet hatte. Einige der Teilnehmer hatten ihn noch als Kinder miterlebt. Aber auch für die später Geborenen wurde während des Seminars deutlich, daß dieser Krieg eine bestimmende Komponente in ihrer Biographie darstellte: zum Beispiel dann, wenn die Eltern im Kindesalter durch Flucht, Hunger, Bomben oder den Verlust von Angehörigen traumatisiert worden waren. Jeder Teilnehmer wußte von wenigstens einem Fall von Gewalt in der Familie. Die Stichworte hießen: verschüttet, gefallen, vermißt, Vertreibung, Vergewaltigung, Gefangenschaft, Selbstmord. Die Zahl der Toten in der engeren Verwandtschaft, die auf das Konto Krieg gingen, waren jedenfalls weit größer als die Zahl der Teilnehmer. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, daß es sich hier um einen Durchschnitt deutscher Familien gehandelt hat und nicht um eine extrem heimgesuchte Gruppe.

Am dritten Tag hatte sich die Veranstaltung zu einem Trauerseminar entwickelt. Es wurde unendlich geweint. Zu erschütternd war das, was nach 50 Jahren wieder lebendig geworden war.   Seitdem ist mir klar, daß wir Deutschen eine Nazivergangenheit  und eine Kriegsvergangenheit haben. Über die eine wird Gottlob inzwischen offen gesprochen, über die andere nicht. Offenbar wirkt da ein uraltes Gesetz: Wer dem Volk angehört, in dem die größten Verbrechen dieses Jahrhunderts begangen wurden, hat keinen Anspruch, über das eigene Leid zu klagen. Schuld, Scham, Verdrängung und Anpassung haben ihr übriges dazugetan.

Vermutlich war daran nichts zu ändern. Aber wir sollten uns wenigstens bewußt machen, daß die in den sechziger Jahren von Alexander Mitscherlich diagnostizierte "Unfähigkeit zu trauern" bis heute nachwirkt und sich nicht nur auf die Nazi-Zeit, sondern auch auf den Krieg bezieht.

 

Am wenigsten wahrgenommen wurden und werden diejenigen, die im Zweiten Weltkrieg noch Kinder waren. Wieviele werden es sein, die bis heute unter den Langzeitfolgen leiden aber nicht darüber sprechen, weil sie nie jemand danach gefragt hat? Ihnen wurde bei Kriegsende gesagt: "Sei still und vergiß. Sei froh, daß du überlebt hast." Daran haben sie sich bis offenbar heute gehalten. 

Mit diesem kleinen Krieg 1999 aber kam bei einer großen Zahl Deutscher das Unerledigte des großen Krieges zum Ausbruch. Was das bedeutet, ist nur von wenigen Menschen in seiner ganzen Tragweite verstanden worden. Zu den Ausnahmen gehört der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Er schrieb: Dieser Krieg wächst alte Ängste. Eine andere in ihrer Bedeutung oft unterschätzte Art von "Kollateralschäden."

Es wurde also virulent, was Menschen über Jahrzehnte recht gut unter Kontrolle halten konnten: ihre eigenen Leiden durch den Zweiten Weltkrieg, und - nicht selten - deren lebenslange Folgen, auch für spätere Generationen. In Familien, aber auch in Gremien, deren Mitglieder sich vorher nie wirklich ausgetauscht hatten über ihre Kriegserlebnisse, kam es deshalb zu Verwirrung und Mißverständnissen. Denn wenn Angst und Panik untergründig wirken, kann man einander nicht mehr zuhören. Da wird der Gegner schnell zum Feind - manchmal sogar der eigene Sohn. Für einen Menschen, der jahrelang jede Nacht in den Luftschutzkeller hinabstieg, ist es vermutlich nur schwer erträglich, wenn jemand in seiner Gegenwart Bombenabwürfe begrüßt. Wer sich mit den Vertriebenen im Kosovo identifiziert, hat womöglich ohnmächtige Wut gespürt, wenn jemand die Nato-Angriffe verdammte.   

Ein Tabu ist erschüttert worden. Der Kosovo-Krieg rührte an schlecht vernarbte seelische Kriegsverletzungen, über die in deutschen Familien kaum gesprochen wurde, und die noch weniger den nachwachsenden Generationen vermittelt worden sind.

"So eine Zeit, wie wir sie erlebt haben, das versteht heute sowieso keiner mehr". Da haben wir schon oft gehört von den Älteren. Ob das wirklich so ist? Oder ob Menschen verstummt sind, weil früher, als sie reden wollten, niemand zugehört hat?

Aber was soll es bringen, wenn wir uns heute noch mit den alten elenden Geschichten befassen? Mit einem Wort: Verständnis. Womöglich auch ein etwas günstigeres Klima zwischen den Generationen. Es ist nämlich für eine erwachsene Tochter keineswegs unwichtig zu wissen, daß ihre Mutter früher vergewaltigt wurde. Schweigt die Mutter, kann das die Beziehung der beiden dauerhaft stören. Die Tochter erlebt vielleicht ihre Mutter als hysterisch und männerverachtend, kennt aber die Ursache nicht. Es kann sein, daß diese Tochter sich daraufhin in das Gegenteil entwickelt: stets gelassen, auch wenn sie eigentlich aus der Haut fahren müßte - und völlig unkritisch gegenüber Männern, mit der Folge, daß sie sich stets mit den Unpassenden zusammentut. Auf keinen Fall so werden zu wollen wie seine Eltern, ist ja bekanntlich der sicherste Weg, neurotisch und unglücklich zu werden. Ich kenne einen solchen Fall. Erst als die Tochter fünfzig Jahre alt war, hat sie von der Vergewaltigung erfahren. Dreißig Jahre früher wäre besser gewesen, findet sie. Seitdem hat sich das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sehr gebessert.    

Hier haben wir ein Beispiel dafür, wie der Krieg auch die zweite Generation beschädigen kann. Leider gibt es noch viele andere. Das heißt: Es gibt noch viel zu heilen. Und wenn Heilen nicht möglich ist, dann doch wenigstens Trösten.

Der Kosovo-Krieg brachte es mit sich, daß aktuelles Geschehen, Familiengeschichte und Zeitgeschichte durcheinandergerührt wurden. Jetzt ist die Zeit, das Ganze zu ordnen. Noch leben die Zeitzeugen unter uns.



Letzte Aktualisierung am 18.04.2009