Gedrechselt, ohne Geist
von Sabine Bode
Autorin:
Machen wir mal eine kleine Umfrage: Wissen Sie, was das ist – eine
„unverrechenbare Fremdheit“? Ich wiederhole: Eine unverrechenbare
Fremdheit.
Da gerät man ins Grübeln, nicht wahr? Fremdheit ist ja ohnehin so ein
abstrakter Begriff. Darüber hinaus ist die Angelegenheit nicht einfach
verrechenbar. Sonst würde einem vielleicht das Verhältnis zwischen
D-Mark und Euro einfallen, zwei Währungen, die konvertierbar sind. Nein,
diese Fremdheit ist schlimmer, nämlich unverrechenbar. Geht es also um eine noch
viel fremdere Währung? Um Silberlinge, die im Grunde wertlos sind? Zum
Beispiel ein paar 100-Lire-Stücke in einem bundesdeutschen Klingelbeutel?
Nun ist es nicht gerade fair, so einen Begriff aus einem christlichen
Papier herauszulösen und sich darüber lustig zu machen. Er stammt aus einer
offiziellen Veröffentlichung der Evangelischen Kirche Deutschlands, aus der
sogenannten „Reihe EKD-Texte“. Da gibt es ein auberginebraunes Heftchen,
das sich laut Titel mit dem Verhältnis von Protestantismus und Kultur
beschäftigt. Dazu werden verschiedene Positionen vorgestellt, von denen es
später heißt, keine treffe das Wesen der Sache.
Sprecher:
Der Kern des Glaubens besteht für eine solche Betrachtungsweise darin, daß er
sich der Wirklichkeit Gottes zuwendet, die der Wirklichkeit der Welt unendlich
überlegen ist. Deshalb zeichne sich die Botschaft der Kirche durch eine
unverrechenbar Fremdheit gegenüber den kulturellen Ausdrucksformen der
jeweiligen Gegenwart aus.
Autorin:
Alles klar? Wenn nicht, muß man das Ganze nochmal nachlesen. Übrigens
handelt es sich nicht um eine interne Kirchenschrift. Die EKD möchte damit einen
Dialog anregen, ein gemeinsames Nachdenken.
Sprecher:
So richtet sich die Einladung zur Teilnahme in gleicher Weise an Vertreter
aus den verschiedenen kulturellen Bereichen jenseits der kirchlichen
Grenzen.
Autorin:
Nur, wer wird sich davon angesprochen fühlen? Wer wird Anregendes erwarten,
von einer Lektüre, die sich bereits im allerersten Satz mit biederer
Langatmigkeit präsentiert.
Sprecher:
Am Ende dieses Jahrhunderts und Jahrtausends vertreten manche
Beobachter die Auffassung, das Christentum sei dabei, seine kulturprägende Kraft
einzubüßen.
Autorin:
Bei der Lokalzeitung vor dreißig Jahren hätte der Chef gesagt: „ Wer
seine Leser direkt am Anfang langweilt, ist sie schnell los.“
Vielleicht sieht man das in kirchlichen Gremien ganz anders. Vielleicht
denkt man: Eine knackige Sprache? Alles nur Fassade. Wir passen uns nicht
an. Was ist so schlimm daran, wenn man einen Text zweimal oder dreimal
lesen muß, bis man ihn versteht? Wer nach leicht verdaulichen Häppchen
sucht, ist bei uns falsch.
Vielleicht aber ist in kirchlichen Gremien das Thema Vermittlung auch gar
nicht wichtig. In Arbeitskreisen treffen sich die Experten verschiedener
Disziplinen, meistens Professoren – sie denken laut nach über
Protestantismus und Kultur zum Beispiel, natürlich auch über ein so wichtiges
Kulturgut wie die Sprache. Man teilt die einzelnen Themen unter sich
auf und später faßt man dann die Beiträge zusammen. Viele Abschnitte sind
nichts anderes als in Sätze gegossene Materialsammlungen.
Sprecher:
Für das Christentum erfüllt sich die authentische religiöse Mitteilung, und
damit auch der Grundsinn jeder humanen Kommunikation, in der Primärerfahrung der
unmittelbaren Interaktion zwischen leibhaft Anwesenden.
Autorin:
Ich übersetze mal: Das persönliche Gespräch, vor allem wenn es um religiöse
Ansichten und Erfahrungen geht, ist durch nichts zu ersetzen. - Und ich
füge hinzu: Auch wenn die Sprache selbst das Thema ist, kann man das am besten
im persönlichen Gespräch klären.
Manfred Kock, Vorsitzender des Rates der EKD, spricht in der Öffentlichkeit
immer so, daß man ihn auf Anhieb versteht. Aber auch ihm sind die sprachlichen
Mängel in den EKD-Heftchen nicht aufgefallen. Warum ist bloß das geschriebene
Wort der Kirchen häufig so umständlich formuliert?
1. O-Ton, Kock:
K: Es ist eines unserer Probleme, daß wir dann, wenn wir in unserm
kirchlichen Binnenbereich eine Sache verabreden, einen Text verabreden, wir
möglicherweise zuwenig darauf achten, wie wird er jetzt vermittelt. Und zwar
rein formal. Welche Worte, welche Begriffe werden verwendet. Was stellen wir in
den Vordergrund. Was stellen wir dahinter. Da gibt es positive Beispiele
inzwischen, aber es gibt eben auch solche, wo man zugestehen muß, jawohl, das
hätte man klarer, besser, deutlicher sagen können.
B: Wie groß schätzen Sie denn das Bewußtsein darüber ein, intern, daß man
eine gute Sprache braucht?
K: Also, das Bewußtsein ist sehr hoch entwickelt, was das Leiden daran
angeht. Aber die Frage, wie's zu ändern ist, das ist oft nicht ganz leicht zu
beantworten.
Autorin:
Vermutlich fällt die Anwort einer Autorin leichter als einem Kirchenmann, der
das Alltagsgeschäft in Gremien vor Augen hat. Vermutlich sagt man sich
dort: Jetzt strengen wir uns schon so an, und es ist immer noch nicht gut genug.
Mein Eindruck ist, daß viele Theologen nicht begreifen, daß ihre Fachsprache
genau so unverständlich ist wie die von Computer-Freaks. Selbst wenn sie
auf fünfzig Prozent ihrer akademisch so hochgeschätzten Ausdrucksweise
verzichten, sind sie von Außenstehenden immer noch nicht zu verstehen,
jedenfalls nicht auf Anhieb. Wenn aber die Verständigung wirklich gewünscht
wird, muß man die Prioritäten anders setzen. Man muß sagen: Wir verabschieden
nur Texte, die klar gegliedert und verständlich geschrieben sind. Dafür nehmen
wir uns die nötige Zeit. Wir lassen sie gegenlesen von Menschen, die sich nicht
tagtäglich in unserem Milieu bewegen. Oder wir bezahlen dafür kompetente Leute.
- Wir wollen einfach nicht mehr, daß die Kirche auf Grund ihrer sonderbaren
Sprache nicht ernstgenommen wird.
Sprecher:
Theologische Erwägungen der Kammer für Theologie zum Dienst der evangelischen
Kirche an den aus ihr Ausgetreteten.
Autorin:
So lautet der Titel des jüngsten EKD-Textes zum Thema Taufe und
Kirchenaustritt. Darin ist unter anderem zu lesen:
Sprecher:
Das Getauftsein wirkt sich als bleibende Anfrage an die christliche Identität
des Ausgetretenen aus.
Autorin:
Menschen, die in den Kirchen ihre Heimat haben, finden an solchen Sätzen
nichts Ungewöhnliches. Und das darf ja auch so bleiben. Kritisch wird es, wenn
Kirche sagt, sie will sich öffnen – sie will für alle Menschen da sein, auch für
die Nicht-Christen. Oder, wie eingangs betont, sie will mit den
Kulturschaffenden außerhalb der Kirchen ins Gespräch kommen.
Für den Umgang mit Sprache sind die Pfarrer und Priester
verantwortlich. Sie haben im Studium eine Fachsprache gelernt, die für viele von
ihnen bis an Ende ihres Lebens attraktiv bleiben wird. Ihr Denken und ihre
Entscheidungen bleiben davon geprägt. In der anglikanischen Hochkirche ist das
ganz anders. Hier gibt es nicht die Verknüpfung, wonach ein Geistlicher
unbedingt eine Theologe sein muß. Er kann auch Steuerberater oder Landwirt sein.
Der deutsche anglikanische Pfarrer Paul Oestreicher, Domherr zu Coventry in
England, hat sich vor einigen Wochen genau an diesem Sendeplatz dazu
geäußert:
2. O-Ton, Oestreicher:
Meine ökumenische Erfahrung hat mich überzeugt, daß das Grundproblem im
deutsch-evangelischen Raum in der starren Tradition liegt, daß der Pfarrberuf
letztlich nur eines voraussetzt: eine theologisch-akademische Ausbildung.
Ich glaube in der Tat, daß daran die Kirche krankt. Einmal krankt sie an
einem bürokratischen Amtsbegriff, zum anderen an einer gefährlichen
Intellektualisierung. Das wissenschaftliche Wort und nicht der lebende logos -
Gott selbst - wird zur Wahrheit hochgespielt. Die Predigt des gelehrten
Theologen wird zum Wesentlichen der christlichen Existenz erklärt. Bezeichnend
ist, daß der schwarze Talar und das Beffchen zur Reformationszeit die Kleidung
des Gelehrten aller Disziplinen war und nicht ein geistliches Gewand. Nur ist
leider die Relevanz aller Disziplinen für eine ganzheitliche Verkündigung der
Wahrheit verloren gegangen. Als ob die Theologie (die angebliche Königin aller
Wissenschaften!) alles erklären könnte. Darin liegt ein erschreckender
kirchlicher Stolz, der die Schöpfungslehre völlig mißachtet. Was bilden sich
eigentlich die Theologen ein?
Autorin:
Meinetwegen können die Pfarrer auch gern weiterhin Theologen sein, wenn man
sie nur verstehen kann. Hätte ich eine Verdienstmedaille zu
verleihen für die verständlichste Art, über religiöse Themen zu reden und zu
schreiben, ich würde ihn nicht Fernsehpfarrer Fliege geben, sondern dem
Heidelberger Theologen Klaus Berger. Er ist Katholik, lehrt aber an der
evangelischen Fakultät. Zusammen mit Christiane Nord übersetzte er das Neue
Testament, und zwar in Verbindung mit den ältesten Schriften des
Urchristentum. Die hochgelobte Übersetzung ist seit dem vergangen Herbst
auf dem Markt. Für Berger schließen sich fundierte wissenschaftliche
Forschung und Allgemeinverständlichkeit nicht gegenseitig aus. Seine Kollegen an
den Universitäten sehen das offenbar anders.
3. O-Ton. Berger:
Das ist die Kultur des elfenbeinernen Turms. Man lebt da unter sich und ist
abgedichtet gegenüber den Erfahrungen, und wenn man sich aus dem Turm heraus
wagt - wie ich - hat man im Turm nichts mehr zu sagen.
Autorin:
Berger ist ein Vielschreiber. Seine Bücher tragen so einfache Titel wie
- „Darf man an Wunder glauben?“
- „Ist mit dem Tod alles aus?“
- „Wozu
ist Jesus am Kreuz gestorben?“
Ein ganze Reihe von Theologen halten es für nicht seriös, wenn ein
Wissenschaftler allgemeinverständliche Bücher schreibt.
4. O-Ton, Berger:
Dann gilt das eigentlich als Beschäftigung mit Themen, über die man
bestensfalls drei Habilitationsarbeiten schreiben kann, aber kein Buch von 220
Seiten. Und das führt dazu, daß sich an die großen wichtigen Themen
niemand mehr heranwagt, sondern immerzu nur Bedenkenträger spielt, und
Fußnotenträger, und dadurch der Blick auf das Wesentliche von einem selbst
verstellt wird.
Autorin:
Verstiegenheit lautete der Vorwurf, den Jesus den Schriftgelehrten machte. Es
gibt sie bis heute. Theologische Fragen werden bis in die unwesentlichsten
Verästelungen getrieben. Eine der Folgen ist, daß Streitpunkte zwischen den
Kirchen der Bevölkerung nicht mehr vermittelt werden können, weil , wie es
heißt, in Wahrheit ja alles viel komplizierter sei.
.Als Beispiel das Top-Ereignis im vergangenen Jahr, Stichwort
„Rechtfertigungslehre.“ Ich würde gern mal wissen, wer begriffen hat, warum es
da eigentlich ging. In Augsburg haben Protestanten und Katholiken etwas
gefeiert. Soviel ist klar. Aber was? Von der Beilegung eines Streits war
die Rede. Aber Vorsicht: es ging nicht um den Streitpunkt, der im Mittelalter
zur Kirchenspaltung geführt hat. Man hat sich lediglich darüber geeinigt, daß
ein Nebenaspekt des damaligen Konflikts heute nüchterner gesehen werden darf.
Grund genug für eine gemeinsame öffentliche Erklärung - und für weitere
Erklärungen zur gemeinsamen Erklärung. Auf Theologesisch klingt das
so:
Sprecher:
Auch nach katholischem Verständnis ist der Glaube für die Rechtfertigung
fundamental; denn ohne ihn kann es keine Rechtfertigung geben. Der Mensch wird
als Hörer des Wortes und Glaubender durch die Taufe gerechtfertigt. Die
Rechtfertigung des Sünders ist Sündenvergebung und Gerechtmachung durch die
Rechtfertigungsgnade, die uns zu Kindern Gottes macht. In der Rechtfertigung
empfangen die Gerechtfertigten von Christus Glaube, Hoffnung und Liebe und
werden so in die Gemeinschaft mit ihm aufgenommen...
Autorin:
Und so weiter. Man erinnert sich vielleicht noch an die Hilflosigkeit jener
Fernsehreporter, die den Auftrag hatten, das Medienereignis
Rechtfertigungslehre, plus Definition plus Kirchengeschichte in einem
drei-Minuten-Beitrag unterzubringen. In journalistischer Sprache konnte
sich das so anhören:
Sprecher:
Es gab Zeiten, da schlugen sich evangelische und katholische Christen
geradezu die Köpfe ein, ging es doch um den »rechten« Glauben. Luthers Frage
nach der Rechtfertigung des Sünders sorgte für Furore: Nur durch Gott komme das
Heil, nur durch seine Gnade, nur durch den Glauben, nicht durch unser Tun und
Lassen.
Autorin:
In Wahrheit ist, wie gesagt, natürlich alles viel
komplizierter.
5. O-Ton, Kock
K. Ich glaube Jedermann wird verstehen, daß es für religiöse, für
Glaubenstraditionen auch so etwas wie eine Fachsprache gibt, eine Binnensprache.
Jeder kulturelle Bereich hat seine fachlichen Ausdrücke. Für mich ist das immer
am leichtesten zu vermitteln, wenn ich erkläre, wie auf meine Frau, die sich für
Fußball nicht interessiert, die Fachsprache für Fußball wirkt. Ich hab der am
Anfang immer er klärt, was Abseits bedeutet, aber das versteht sie nicht, und
zwar deshalb nicht, weil sie sich für Fußball nicht interessiert.
Und so ist das auch im christlichem Glauben. Es gibt Begrifflichkeiten, die
gehören in den Binnenbereich und vermitteln dann etwas, wenn ich angefangen
habe, mich für die Sache zu interessieren. Dann fange ich auch an, die Sprache
zu lernen.
B: Also das ist mir völlig klar. Aber es gibt einfach solche Besonderheiten,
die ich woanders nicht finden: zum Beispiel eine absolute Vorliebe für doppelte
Verneinung.
K: Das ist richtig. Doppelte Verneinung oder unsere ineinandergeschachtelten
Konditionalsätze: "Unter der Voraussetzung, daß dann, wenn.." und dann kommt
noch eine Kondition hinein - das ist in der Tat ein Problem. Es wird
meistens dann gebraucht, wenn wir Menschen selber ein bißchen zögerlich sind
hinsichtlich dessen, was wir sagen wollen.
Autorin:
Die sonderbare Ausdrucksweise, die man so häufig in kirchlichen Texten
antrifft, hat Methode, meint Klaus Berger. Hinter sprachlichen Gebirgen kann man
sich gut verstecken.
6. O-Ton-Berger
Ja, es gibt so eine vatikanische Kurialsprache, die in allen päpstlichen
Verlautbarungen eine Rolle spielt - und auch in allen EKD-Denkschriften ... da
man wie die Katze um den heißen Brei rumläuft und ja nicht irgendwo zur Sache
kommt. Und das kommt daher - man kann dafür Verständnis aufbringen, auch wenn
man es nicht richtig findet - das kommt daher, daß man sich nach überall hin
absichern muß. Wenn man tausend gierige Wölfe um sich hat, von ultra rechts bis
ultra links, dann kommt es natürlich drauf an, keinen Wolf zum Zuspringen zu
bringen. Das kann man, indem man so allgemein sagt: Es gab einige Brüder und
Schwestern, die gesündigt haben. Da können die Wölfe von rechts nichts
wollen...Was fehlt, ist der Mut zum Martyrium - bei solchen Päpsten, in solchen
Denkschriften - die wirklich dann mal riskieren, daß sie von den Rechten
gefressen werden. Und daher kommt die verklausulierte Sprache, weil die Leute
nichts mehr wagen und dann sind sie unglaubwürdig.
Autorin:
Neben den sprachlichen Besonderheiten fällt bei den Christen und ihren
Institutionen eine zweite Eigenart auf. Ihr Motto heißt: „So bescheiden
wie möglich“ und betrifft den Umgang in Fragen der Präsentation. Wer sich
bei den Protestanten umschaut, entdeckt zum Beispiel die Hemmung,
für interessante Bildungsangebote angemessen zu werben. Da erscheinen die
Namen hochkarätiger Referenten auf selbstgemachten, lieblos gestalteten
Programmzettelchen. Und wenn die Redner selbst dem kirchlichen Milieu angehören,
dann beschweren sie sich nicht einmal darüber. Fällt es Kirchenleuten schwer, in
der Öffentlichkeit ihre guten Ideen und Leistungen zu präsentieren?
7. O-Ton:
K. Ich glaube, es fällt schwer, weil wir natürlich auch so erzogen sind,
nicht soviel Aufhebens um uns selbst zu machen: Also auch speziell eine
protetentische Art, den eigenen Glauben zu leben, besteht ja darin, daß ich
sage: ich bin nichts, mein Gott ist alles. Das ist die Übersteigerung dessen,
was ja richtig ist. Wir verdanken ja das meiste oder eigentlich alles dem Gott.
Deshalb können wir weder uns selbst in den Vordergrund stellen, und wir haben
auch wenig Talent, andere Menschen zu loben. Wenn Sie sich mal anschauen, wie
wir Dankesworte formulieren - oder wer die Dankworte entgegennimmt, entschuldigt
sich selbst schon, daß er überhaupt was geleistet hat und sagt dann immer: Es
waren auch meine Mitarbeiter. Das ist ist ja auch alles richtig - aber die
schöne Freude daran, wenn ich ein Lob bekomme, die ist kirchlich oft gar nicht
so einfach anzunehmen.
B: Dann ist da noch eine ganz andere Frage. In der evangelischen Kirche gibt
es ja nun nicht die Verehrung der Heiligen, aber auch nicht das Hindeuten auf
die herausragenden Persönlichkeiten über die Jahrhunderte. Ich habe im
vorletzten Jahr ein Buch gelesen mit Kurzbiographien über Theologen, und ich war
wirklich fasziniert, und ich habe mich gefragt: Wieso ist das eigentlich so
unbekannt? Muß das so sein? Oder zum Beispiel. Warum gibt es keinen großen
Lutherfilm?Oder warum muß dieser Bonhoeffer-Film ein amerikanische Produktion
sein?
K: Das ist eine gute Frage. An der Stelle, denke ich, muß wieder was
passieren... Aber bei Luther gerade ist es auch eine schreckliche Geschichte. Er
hat ja eine Nationalheiligtumsgestalt bedeutet für die Zeit mindestens bis 1918
- wie ich zum Beispiel erlebt habe, wie meine Generation, sich eigentlich gegen
solche Heroisierungen, wie wir das damals verstanden, auch abgegrenzt haben. Wr
kommen immer schnell dahin, auch wieder zu sagen: Wo sind die Schwächen dieses
Menschen gewesen...
- Aber gerade das macht einen guten Kinofilm aus.
Und das wäre natürlich jetzt das Neue: Wie kann man eigentlich Vorbilder so
darstellen, daß sie nicht die Unerreichbarkeit als Ideal haben, sondern daß sie
so etwas wie eine menschliche Nähe und Wärme bezeugen, die lebensecht ist , die
auch die Schwächen miteinbezieht. Und da glaube ich, hätten wir durchaus eine in
Anführungstrichen protestantische Heiligenverehrung nötig. Sie haben recht: Da
könnten wir ein bißchen selbstbewußter mit umgehen.
Autorin:
An das Ende jeder Predigt gehört die Zuversicht. Sie kann auch dieser
Sendung nicht schaden. Es gibt Hoffnung. Die erfolgreiche Kampagne gegen
den verkaufsoffenen Sonntag hat gezeigt:
Wenn die Kirchen selbstbewußt auftreten,
wenn sie so sprechen, daß sie
jeder versteht,
wenn sie dafür sorgen, das jede Familie davon
erfährt,
dann werden sie auch verstanden.