Kirchensprache (2002)

Gedrechselt, ohne Geist  

von Sabine Bode

Autorin:

Machen wir mal eine kleine Umfrage: Wissen Sie, was das ist – eine „unverrechenbare Fremdheit“?  Ich wiederhole: Eine unverrechenbare Fremdheit.

Da gerät man ins Grübeln, nicht wahr? Fremdheit ist ja ohnehin so ein abstrakter Begriff.  Darüber hinaus ist die Angelegenheit nicht einfach  verrechenbar. Sonst würde einem vielleicht das Verhältnis zwischen D-Mark und Euro einfallen, zwei Währungen, die konvertierbar sind.  Nein, diese Fremdheit ist schlimmer, nämlich unverrechenbar. Geht es also um eine noch viel fremdere Währung?  Um Silberlinge, die im Grunde wertlos sind? Zum Beispiel ein paar 100-Lire-Stücke in einem bundesdeutschen Klingelbeutel?

Nun ist es nicht gerade fair, so einen Begriff  aus einem christlichen Papier herauszulösen und sich darüber lustig zu machen. Er stammt aus einer offiziellen Veröffentlichung der Evangelischen Kirche Deutschlands, aus der sogenannten „Reihe EKD-Texte“.  Da gibt es ein auberginebraunes Heftchen, das sich laut  Titel mit dem Verhältnis von Protestantismus und Kultur beschäftigt. Dazu werden verschiedene Positionen vorgestellt, von denen es später heißt, keine treffe das Wesen der Sache.

Sprecher:

Der Kern des Glaubens besteht für eine solche Betrachtungsweise darin, daß er sich der Wirklichkeit Gottes zuwendet, die der Wirklichkeit der Welt unendlich überlegen ist. Deshalb zeichne sich die Botschaft der Kirche durch eine unverrechenbar Fremdheit gegenüber den kulturellen Ausdrucksformen der jeweiligen Gegenwart aus.

Autorin:

Alles klar?  Wenn nicht, muß man das Ganze nochmal nachlesen. Übrigens handelt es sich nicht um eine interne Kirchenschrift. Die EKD möchte damit einen Dialog anregen, ein gemeinsames Nachdenken.

Sprecher:

So richtet sich die Einladung zur Teilnahme in gleicher Weise an Vertreter aus den verschiedenen kulturellen Bereichen jenseits der kirchlichen Grenzen.

Autorin:

Nur, wer wird sich davon angesprochen fühlen? Wer wird Anregendes erwarten, von einer Lektüre, die sich bereits im allerersten Satz  mit  biederer Langatmigkeit präsentiert.

Sprecher:

Am Ende dieses Jahrhunderts  und Jahrtausends vertreten manche Beobachter die Auffassung, das Christentum sei dabei, seine kulturprägende Kraft einzubüßen.

Autorin:

Bei der Lokalzeitung vor dreißig Jahren  hätte der Chef gesagt: „ Wer seine Leser direkt am Anfang langweilt, ist sie schnell los.“

Vielleicht sieht  man das in kirchlichen Gremien ganz anders. Vielleicht denkt man: Eine knackige Sprache?  Alles nur Fassade. Wir passen uns nicht an. Was ist  so schlimm daran, wenn man einen Text zweimal oder dreimal lesen muß, bis man ihn versteht? Wer nach leicht verdaulichen Häppchen  sucht, ist bei uns falsch.

Vielleicht aber ist in kirchlichen Gremien das Thema Vermittlung auch gar nicht  wichtig. In Arbeitskreisen treffen sich die Experten verschiedener Disziplinen, meistens  Professoren – sie denken laut nach über Protestantismus und Kultur zum Beispiel, natürlich auch über ein so wichtiges Kulturgut wie die Sprache.  Man teilt die einzelnen Themen unter sich auf  und später faßt man dann die Beiträge zusammen. Viele Abschnitte sind nichts anderes als  in Sätze gegossene Materialsammlungen.

Sprecher:

Für das Christentum erfüllt sich die authentische religiöse Mitteilung, und damit auch der Grundsinn jeder humanen Kommunikation, in der Primärerfahrung der unmittelbaren Interaktion zwischen leibhaft Anwesenden.

Autorin:

Ich übersetze mal: Das persönliche Gespräch, vor allem wenn es um religiöse Ansichten und Erfahrungen  geht, ist durch nichts zu ersetzen. - Und ich füge hinzu: Auch wenn die Sprache selbst das Thema ist, kann man das am besten im persönlichen Gespräch klären.

Manfred Kock, Vorsitzender des Rates der EKD, spricht in der Öffentlichkeit immer so, daß man ihn auf Anhieb versteht. Aber auch ihm sind die sprachlichen Mängel in den EKD-Heftchen nicht aufgefallen. Warum ist bloß das geschriebene Wort der Kirchen häufig so umständlich formuliert?

1. O-Ton, Kock:

K: Es ist eines unserer Probleme, daß wir dann, wenn wir in unserm kirchlichen Binnenbereich eine Sache verabreden, einen Text verabreden, wir möglicherweise zuwenig darauf achten, wie wird er jetzt vermittelt. Und zwar rein formal. Welche Worte, welche Begriffe werden verwendet. Was stellen wir in den Vordergrund. Was stellen wir dahinter. Da gibt es positive Beispiele inzwischen, aber es gibt eben auch solche, wo man zugestehen muß, jawohl, das hätte man klarer, besser, deutlicher sagen können.

B: Wie groß schätzen Sie denn das Bewußtsein darüber ein, intern, daß man eine gute Sprache braucht?

K: Also, das Bewußtsein ist sehr hoch entwickelt, was das Leiden daran angeht. Aber die Frage, wie's zu ändern ist, das ist oft nicht ganz leicht zu beantworten.

Autorin:

Vermutlich fällt die Anwort einer Autorin leichter als einem Kirchenmann, der das Alltagsgeschäft in Gremien vor Augen hat. Vermutlich  sagt man sich dort: Jetzt strengen wir uns schon so an, und es ist immer noch nicht gut genug. Mein Eindruck ist, daß viele Theologen nicht begreifen, daß ihre Fachsprache genau so unverständlich ist wie die von Computer-Freaks.  Selbst wenn sie auf fünfzig Prozent ihrer akademisch so hochgeschätzten Ausdrucksweise  verzichten, sind sie von Außenstehenden immer noch nicht zu verstehen, jedenfalls nicht auf Anhieb. Wenn aber die Verständigung wirklich gewünscht wird, muß man die Prioritäten anders setzen. Man muß sagen: Wir verabschieden nur Texte, die klar gegliedert und verständlich geschrieben sind. Dafür nehmen wir uns die nötige Zeit. Wir lassen sie gegenlesen von Menschen, die sich nicht tagtäglich in unserem Milieu bewegen. Oder wir bezahlen dafür kompetente Leute. - Wir wollen einfach nicht mehr, daß die Kirche auf Grund ihrer sonderbaren Sprache  nicht  ernstgenommen wird.

Sprecher:

Theologische Erwägungen der Kammer für Theologie zum Dienst der evangelischen Kirche an den aus ihr Ausgetreteten.

Autorin:

So lautet der Titel des jüngsten EKD-Textes zum Thema Taufe und Kirchenaustritt. Darin ist unter anderem zu lesen:

Sprecher:

Das Getauftsein wirkt sich als bleibende Anfrage an die christliche Identität des Ausgetretenen aus.

Autorin:

Menschen, die in den Kirchen ihre Heimat haben, finden an solchen Sätzen nichts Ungewöhnliches. Und das darf ja auch so bleiben. Kritisch wird es, wenn Kirche sagt, sie will sich öffnen – sie will für alle Menschen da sein, auch für die Nicht-Christen. Oder, wie eingangs betont, sie will mit den Kulturschaffenden außerhalb der Kirchen ins Gespräch kommen.

Für den  Umgang mit Sprache sind die Pfarrer und Priester verantwortlich. Sie haben im Studium eine Fachsprache gelernt, die für viele von ihnen bis an Ende ihres Lebens attraktiv bleiben wird. Ihr Denken und ihre Entscheidungen bleiben davon geprägt. In der anglikanischen Hochkirche ist das ganz anders. Hier gibt es nicht die Verknüpfung, wonach ein Geistlicher unbedingt eine Theologe sein muß. Er kann auch Steuerberater oder Landwirt sein. Der deutsche anglikanische Pfarrer Paul Oestreicher, Domherr zu Coventry in England, hat sich vor einigen Wochen genau an diesem Sendeplatz dazu geäußert:

2. O-Ton, Oestreicher:

Meine ökumenische Erfahrung hat mich überzeugt, daß das Grundproblem im deutsch-evangelischen Raum in der starren Tradition liegt, daß der Pfarrberuf letztlich nur eines voraussetzt: eine theologisch-akademische Ausbildung.

Ich glaube in der Tat, daß daran die Kirche krankt. Einmal krankt sie an einem bürokratischen Amtsbegriff, zum anderen an einer gefährlichen Intellektualisierung. Das wissenschaftliche Wort und nicht der lebende logos - Gott selbst - wird zur Wahrheit hochgespielt. Die Predigt des gelehrten Theologen wird zum Wesentlichen der christlichen Existenz erklärt. Bezeichnend ist, daß der schwarze Talar und das Beffchen zur Reformationszeit die Kleidung des Gelehrten aller Disziplinen war und nicht ein geistliches Gewand. Nur ist leider die Relevanz aller Disziplinen für eine ganzheitliche Verkündigung der Wahrheit verloren gegangen. Als ob die Theologie (die angebliche Königin aller Wissenschaften!) alles erklären könnte. Darin liegt ein erschreckender kirchlicher Stolz, der die Schöpfungslehre völlig mißachtet. Was bilden sich eigentlich die Theologen ein?

Autorin:

Meinetwegen können die Pfarrer auch gern weiterhin Theologen sein, wenn man sie nur verstehen kann.  Hätte ich eine Verdienstmedaille  zu verleihen für die verständlichste Art, über religiöse Themen zu reden und zu schreiben, ich würde ihn nicht Fernsehpfarrer Fliege geben, sondern dem Heidelberger Theologen Klaus Berger. Er ist Katholik, lehrt aber an der evangelischen Fakultät. Zusammen mit Christiane Nord übersetzte er das Neue Testament, und zwar in Verbindung  mit den ältesten Schriften des Urchristentum. Die hochgelobte Übersetzung ist seit dem vergangen Herbst  auf dem Markt.  Für  Berger schließen sich fundierte wissenschaftliche Forschung und Allgemeinverständlichkeit nicht gegenseitig aus. Seine Kollegen an den Universitäten sehen das offenbar anders.

3. O-Ton. Berger:

Das ist die Kultur des elfenbeinernen Turms. Man lebt da unter sich und ist abgedichtet gegenüber den Erfahrungen, und wenn man sich aus dem Turm heraus wagt - wie ich - hat man im Turm nichts mehr zu sagen.

Autorin:

Berger ist ein Vielschreiber. Seine  Bücher tragen so einfache Titel wie

- „Darf man an Wunder glauben?“
- „Ist mit dem Tod alles aus?“
- „Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben?“

Ein ganze Reihe von  Theologen halten es für nicht seriös, wenn ein Wissenschaftler allgemeinverständliche Bücher schreibt.

4. O-Ton, Berger:

Dann gilt das eigentlich als Beschäftigung mit Themen, über die man bestensfalls drei Habilitationsarbeiten schreiben kann, aber kein Buch von 220 Seiten.  Und das führt dazu, daß sich an die großen wichtigen Themen niemand mehr heranwagt, sondern immerzu nur Bedenkenträger spielt, und Fußnotenträger, und dadurch der Blick auf das Wesentliche von einem selbst verstellt wird.

Autorin:

Verstiegenheit lautete der Vorwurf, den Jesus den Schriftgelehrten machte. Es gibt sie bis heute. Theologische Fragen werden bis in die unwesentlichsten Verästelungen getrieben. Eine der Folgen ist, daß Streitpunkte zwischen den Kirchen der Bevölkerung  nicht mehr vermittelt werden können, weil , wie es heißt, in Wahrheit ja alles viel komplizierter sei.

.Als Beispiel das Top-Ereignis im vergangenen Jahr, Stichwort „Rechtfertigungslehre.“ Ich würde gern mal wissen, wer begriffen hat, warum es da eigentlich ging. In Augsburg haben Protestanten und Katholiken  etwas gefeiert. Soviel ist klar.  Aber was? Von der Beilegung eines Streits war die Rede. Aber Vorsicht: es ging nicht um den Streitpunkt, der im Mittelalter zur Kirchenspaltung geführt hat. Man hat sich lediglich darüber geeinigt, daß ein Nebenaspekt des damaligen Konflikts heute nüchterner gesehen werden darf. Grund genug für eine gemeinsame öffentliche Erklärung  - und für weitere Erklärungen zur gemeinsamen Erklärung. Auf  Theologesisch klingt das so:

Sprecher:

Auch nach katholischem Verständnis ist der Glaube für die Rechtfertigung fundamental; denn ohne ihn kann es keine Rechtfertigung geben. Der Mensch wird als Hörer des Wortes und Glaubender durch die Taufe gerechtfertigt. Die Rechtfertigung des Sünders ist Sündenvergebung und Gerechtmachung durch die Rechtfertigungsgnade, die uns zu Kindern Gottes macht. In der Rechtfertigung empfangen die Gerechtfertigten von Christus Glaube, Hoffnung und Liebe und werden so in die Gemeinschaft mit ihm aufgenommen...

Autorin:

Und so weiter. Man erinnert sich vielleicht noch an die Hilflosigkeit jener Fernsehreporter, die den Auftrag hatten, das Medienereignis Rechtfertigungslehre, plus Definition plus Kirchengeschichte in einem drei-Minuten-Beitrag unterzubringen. In journalistischer Sprache  konnte sich das so anhören:

Sprecher:

Es gab Zeiten, da schlugen sich evangelische und katholische Christen geradezu die Köpfe ein, ging es doch um den »rechten« Glauben. Luthers Frage nach der Rechtfertigung des Sünders sorgte für Furore: Nur durch Gott komme das Heil, nur durch seine Gnade, nur durch den Glauben, nicht durch unser Tun und Lassen.

Autorin:

In Wahrheit ist, wie gesagt,  natürlich alles viel komplizierter.

5. O-Ton, Kock

K. Ich glaube Jedermann wird verstehen, daß es für religiöse, für Glaubenstraditionen auch so etwas wie eine Fachsprache gibt, eine Binnensprache. Jeder kulturelle Bereich hat seine fachlichen Ausdrücke. Für mich ist das immer am leichtesten zu vermitteln, wenn ich erkläre, wie auf meine Frau, die sich für Fußball nicht interessiert, die Fachsprache für Fußball wirkt. Ich hab der am Anfang immer er klärt, was Abseits bedeutet, aber das versteht sie nicht, und zwar deshalb nicht, weil sie sich für Fußball nicht interessiert.

Und so ist das auch im christlichem Glauben. Es gibt Begrifflichkeiten, die gehören in den Binnenbereich und vermitteln dann etwas, wenn ich angefangen habe, mich für die Sache zu interessieren. Dann fange ich auch an, die Sprache zu lernen.

B: Also das ist mir völlig klar. Aber es gibt einfach solche Besonderheiten, die ich woanders nicht finden: zum Beispiel eine absolute Vorliebe für doppelte Verneinung.

K: Das ist richtig. Doppelte Verneinung oder unsere ineinandergeschachtelten Konditionalsätze: "Unter der Voraussetzung, daß dann, wenn.." und dann kommt noch eine Kondition hinein - das ist in der Tat ein Problem. Es  wird meistens dann gebraucht, wenn wir Menschen selber ein bißchen zögerlich sind hinsichtlich dessen, was wir sagen wollen.

Autorin:

Die sonderbare Ausdrucksweise, die man so häufig in kirchlichen Texten antrifft, hat Methode, meint Klaus Berger. Hinter sprachlichen Gebirgen kann man sich gut verstecken.

6. O-Ton-Berger

Ja, es gibt so eine vatikanische Kurialsprache, die in allen päpstlichen Verlautbarungen eine Rolle spielt - und auch in allen EKD-Denkschriften ... da man wie die Katze um den heißen Brei rumläuft und ja nicht irgendwo zur Sache kommt. Und das kommt daher - man kann dafür Verständnis aufbringen, auch wenn man es nicht richtig findet - das kommt daher, daß man sich nach überall hin absichern muß. Wenn man tausend gierige Wölfe um sich hat, von ultra rechts bis ultra links, dann kommt es natürlich drauf an, keinen Wolf zum Zuspringen zu bringen. Das kann man, indem man so allgemein sagt: Es gab einige Brüder und Schwestern, die gesündigt haben. Da können die Wölfe von rechts nichts wollen...Was fehlt, ist der Mut zum Martyrium - bei solchen Päpsten, in solchen Denkschriften - die wirklich dann mal riskieren, daß sie von den Rechten gefressen werden. Und daher kommt die verklausulierte Sprache, weil die Leute nichts mehr wagen und dann sind sie unglaubwürdig.

Autorin:

Neben den sprachlichen Besonderheiten  fällt bei den Christen und ihren Institutionen eine zweite Eigenart auf. Ihr  Motto heißt: „So bescheiden wie möglich“  und betrifft den Umgang in Fragen der Präsentation. Wer sich bei den Protestanten umschaut, entdeckt  zum Beispiel die Hemmung, für  interessante Bildungsangebote angemessen zu werben. Da erscheinen die Namen hochkarätiger Referenten auf selbstgemachten, lieblos gestalteten  Programmzettelchen. Und wenn die Redner selbst dem kirchlichen Milieu angehören, dann beschweren sie sich nicht einmal darüber. Fällt es Kirchenleuten schwer, in der Öffentlichkeit ihre guten Ideen und Leistungen zu präsentieren?

7. O-Ton:

K. Ich glaube, es fällt schwer, weil wir natürlich auch so erzogen sind, nicht soviel Aufhebens um uns selbst zu machen: Also auch speziell eine protetentische Art, den eigenen Glauben zu leben, besteht ja darin, daß ich sage: ich bin nichts, mein Gott ist alles. Das ist die Übersteigerung dessen, was ja richtig ist. Wir verdanken ja das meiste oder eigentlich alles dem Gott. Deshalb können wir weder uns selbst in den Vordergrund stellen, und wir haben auch wenig Talent, andere Menschen zu loben. Wenn Sie sich mal anschauen, wie wir Dankesworte formulieren - oder wer die Dankworte entgegennimmt, entschuldigt sich selbst schon, daß er überhaupt was geleistet hat und sagt dann immer: Es waren auch meine Mitarbeiter. Das ist ist ja auch alles richtig - aber die schöne Freude daran, wenn ich ein Lob bekomme, die ist kirchlich oft gar nicht so einfach anzunehmen.

B: Dann ist da noch eine ganz andere Frage. In der evangelischen Kirche gibt es ja nun nicht die Verehrung der Heiligen, aber auch nicht das Hindeuten auf die herausragenden Persönlichkeiten über die Jahrhunderte. Ich habe im vorletzten Jahr ein Buch gelesen mit Kurzbiographien über Theologen, und ich war wirklich fasziniert, und ich habe mich gefragt: Wieso ist das eigentlich so unbekannt? Muß das so sein? Oder zum Beispiel. Warum gibt es keinen großen Lutherfilm?Oder warum muß dieser Bonhoeffer-Film ein amerikanische Produktion sein?

K: Das ist eine gute Frage. An der Stelle, denke ich, muß wieder was passieren... Aber bei Luther gerade ist es auch eine schreckliche Geschichte. Er hat ja eine Nationalheiligtumsgestalt bedeutet für die Zeit mindestens bis 1918 - wie ich zum Beispiel erlebt habe, wie meine Generation, sich eigentlich gegen solche Heroisierungen, wie wir das damals verstanden, auch abgegrenzt haben. Wr kommen immer schnell dahin, auch wieder zu sagen: Wo sind die Schwächen dieses Menschen gewesen...

- Aber gerade das macht einen guten Kinofilm aus.

Und das wäre natürlich jetzt das Neue: Wie kann man eigentlich Vorbilder so darstellen, daß sie nicht die Unerreichbarkeit als Ideal haben, sondern daß sie so etwas wie eine menschliche Nähe und Wärme bezeugen, die lebensecht ist , die auch die Schwächen miteinbezieht. Und da glaube ich, hätten wir durchaus eine in Anführungstrichen protestantische Heiligenverehrung nötig. Sie haben recht: Da könnten wir ein bißchen selbstbewußter mit umgehen.

Autorin:

An das Ende jeder Predigt gehört die Zuversicht. Sie kann auch dieser Sendung  nicht schaden. Es gibt Hoffnung. Die erfolgreiche Kampagne gegen den verkaufsoffenen Sonntag hat gezeigt:

Wenn die Kirchen selbstbewußt auftreten,
wenn sie so sprechen, daß sie jeder versteht,
wenn sie dafür sorgen, das jede Familie davon erfährt,
dann werden sie auch verstanden.



Letzte Aktualisierung am 18.04.2009