Bosnien-Konflikt (1993)

Irgend jemand muß doch eingreifen!

von Sabine Bode

Ein Abend im Mai letzten Jahres in einem teuren Restaurant im Berliner Osten - im neuen Berlin. Gemeint ist damit die Region hinter dem Brandenburger Tor, wo hier und da Orte gediegenen Glanzes entstanden sind. Wir treffen uns zum Essen, vier Menschen aus dem Westen, einer aus der ehemaligen DDR. Der Kellner ist mit der Getränkebestellung fortgegangen. Sein Akzent gibt Rätsel auf. Wo kommt er wohl her? Südeuropa, soviel ist klar. Aber woher genau? Als er an unseren Tisch zurückkommt, fragen wir ihn. „Mein Land gibt es nicht mehr", sagt der Kellner. „Es stirbt mit
jedem Tag. Kinder, Babys, alte Menschen, Frauen. Tot, tot, tot. Nun sagen Sie: Wo ist dieses Land?" „Libanon?" tippt mein Tischnachbar.

So gut funktioniert Verdrängung. – Der Kellner aus Bosnien sagt, er habe gerade einen Brief bekommen: Zwei Cousins von Heckenschützen erschossen, eine achtjährige Nichte von einer Granate zerfetzt. Ein Überlebender spricht von seinem sterben-
den Volk. Ein Indianer. Am Tisch herrscht Schweigen. Keiner reagiert. Wie auch? Danach haben wir drei Stunden lang geredet bei diesem Essen, über den Krieg im Balkan fällt kein einziges Wort.

Wann habe ich aufgehört, über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien zu sprechen? Habe ich überhaupt ernsthaft darüber geredet? Weggucken, das ist mein Weg, weggucken und ein bißchen spenden. Nicht zu oft - sonst belastet das Spenden, statt zu entlasten. Die Kunst besteht darin, den Kontakt mit dem Elend und der eigenen Ohnmacht richtig zu dosieren. Die täglichen Nachrichten aus Bosnien, muß ich sie mir antun!? Immer dasselbe, und dies immer barbarischer. Die Überfallenen sind längst nicht mehr nur Opfer. Barbaren gibt es auch unter ihnen. Eine Frage der Zeit. - Entweder kapitulieren oder kämpfen bis zum Ende. Gleiches mit Gleichem vergelten, dem Feind ähnlich werden bis zu dem Punkt, wo Kämpfen unwiderruflich Morden heißt.

Der Winter ist da und bringt, was wir alle vorher wußten: das große Sterben. Es geschieht dort, wo keine Fernsehkameras mehr hinkommen. Die Überlebenden in Sarajevo wiegen im Durchschnitt sieben Kilo weniger als vor einem Jahr. Die Dreiteilung Bosniens ist besiegelt, aber wer kann sagen, ob und wann die Friedenspläne, die diesen Namen nicht verdienen, Wirkung zeigen? Wie viele Menschen werden noch sterben:  120 000 oder 200 OOO?

Unentwirrbar die Stränge der Informationsflut. Die Rechtfertigungen der Aggressoren und die Hilferufe der Opfer. Parallel dazu die Lähmung auf der anderen Seite: die Hilflosigkeit der europäischen Nachbarn, die Unkalkulierbarkeit Moskaus, die Unentschiedenheit der Amerikaner, leere Drohungen, das Versagen der EU, der UN und der Diplomatie. Wir, die Zuschauer und Weggucker zugleich, schweigen und lassen die Medien reden. Es gibt keine Lösungen im Balkan-Konflikt, nur noch Fragen. So dachte ich bis vor wenigen Monaten. Auch das ein Irrtum ...

„Bitte stellen Sie keine Warum-Fragen. Sie bringen nichts", sagte die Referentin einer Veranstaltung zur Unterstützung vergewaltigter Frauen in Bosnien. Die Angehörige einer Hilfsorganisation, die sich 14 Tage im Kriegsgebiet aufgehalten hatte, schilderte ihre Eindrücke. Das Schlüsselwort ihres Vertrags hieß „Widersprüche". Dieser Begriff fiel mindestens 50mal. Nichts als Widersprüchliches hatte die Deutsche erlebt. Was sie gesehen und gehört hatte, war mit ihren bisherigen Erfahrungen nicht in Einklang zu bringen. Als an diesem Abend die Warum-Fragen gestrichen waren, standen dem Publikum überhaupt keine Fragen mehr zur Verfügung.

Die Menschen blieben still in ihrer Fassungslosigkeit. Doch die Gedanken, die unter dem Schweigen lagen, sie mögen einander sehr ähnlich gewesen sein: „Da muß jemand Starkes dazwischengehen! Irgend jemand muß doch eingreifen!" Ein stummer Ruf nach Waffen. Auch ich, eine Pazifistin, dachte so. Was gilt eigentlich noch von meinen politischen Positionen?
Wo ich auch hingreife, ich finde keinen Halt mehr. Nur eines weiß ich sicher: Die Zeiten, als ich immer genau wußte, was zu tun war, als ich wußte, wer in politischen Konflikten oder bei deren Lösung meine Verbündeten waren und wer meine Gegner, sie sind vorbei - eine Einsicht, die mich lähmt und ständig mit neuen Zweifeln belästigt. Was hat mich in früheren Zeiten so sicher gemacht in meinen Überzeugungen?

 

Mein politischer Weg war der, den viele gingen, von 1968 bis Mitte der achtziger Jahre: APO, Frauenbewegung, Umweltschutz, Friedensbewegung. Ob ich immer schon Pazifistin war? Weiß ich nicht. Darüber mußte ich mir keine Gedanken machen - bis zu dem Zeitpunkt, als der Rüstungswahn der Supermächte Millionen Demonstranten auf die Straße trieb.

Meine persönliche Initialzündung war der Evangelische Kirchentag in Hannover 1983. Sonnige heiße Tage, Aufbruchstimmung. Die Entdeckung der Bergpredigt als politische Aussage. Gewaltverzicht. Dieses „Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen", das auf den lila Halstüchern stand - ein Kirchentagshit ohnegleichen. Beim Abschlußgottesdienst hielten die Teilnehmer die Tücher hoch. Ein lila Menschenmeer. Dazu ein Friedenskanon, so eingängig, daß man sich kaum von ihm trennen mochte. Tränen flossen bei Tausenden von Abschieden. Noch nie haben sich so viele junge Menschen so schnell ineinander verliebt.

Das Gebot der Feindesliebe: plötzlich nicht nur ein frommer Spruch, Utopie, sondern Anleitung zum Verhalten in einer politisch hochexplosiven Situation. Einer muß anfangen, seinen Gegnern zu vertrauen, wenn sie sagen: Glaubt uns, wir wollen euch nicht vernichten.

Andernfalls bringen die Völker sich gegenseitig um - nicht
aus Haß, sondern aus Angst voreinander.

Feindesliebe, das bedeutete: im Feind den Menschen sehen. Das bedeutete aber auch: Aufhören, den kleinen kalten Krieger zu verteufeln – den Nachbarn, den Kollegen oder Bruder mit seinem ins Absurde gesteigerten Feindbild, der ständig die Invasion „des Russen" erwartete und am liebsten Raketen in seinem Vorgarten stationiert hätte.

Gewaltfreiheit war das Wort der Friedensbewegung. Gewaltfreier Widerstand. Das bezog sich auf Sitzblockaden vor Raketenstützpunkten und ähnliches. Aber auch Gewaltfreiheit in der Rede. Beides konnte man auf Seminaren einüben. Dann kam der Tiefschlag. Die SPD unter Helmut Schmidt drehte mit dem NATO-Doppelbeschluß die Rüstungsspirale weiter.

Ich wollte auswandern. Zwei Reisen nach Südamerika. Meine Pläne, die Bundesrepublik zu verlassen, wurden konkreter. Es kam der Falkland-Krieg und nach seiner Beendigung die Nachricht, Lady Thatcher habe den Argentiniern mit der Atombombe gedroht. Ziel habe ausgerechnet die Stadt sein sollen, die mir als mögliches Exil vor Augen stand. Es gab einfach kein Entkommen. 50 000 Atomsprengköpfe in den Waffen-arsenalen der Erde. Die größte Angst konzentrierte sich darauf, ob ein Fehlalarm überhaupt noch als solcher identifiziert und rechtzeitig gestoppt werden konnte. Eine Hausfrau sagte in einem Friedensgottes-dienst: „Heutzutage kann doch schon eine Fluse im Computer den Dritten Weltkrieg auslösen!"

Ich weiß nicht, ob ich damals hysterisch war. Einige meiner Freunde haben es gemeint. Manchmal denke ich, daß der Grund, warum ich dem heutigen Chaos und der Gewalt so relativ gelassen gegenüberstehe, auch damit zu tun hat, daß mir die Bedrohung in den Hochrüstungszeiten, so wie ich mich an sie erinnere, unvergleichlich viel größer vorkam.

 

Viel ist in Bewegung geraten mit dem Slogan: „Frieden schaffen ohne Waffen." Gespräche begannen oder wurden immer intensiver. Erst tausend, dann zehntausend, dann vielleicht Hunderttausende von Begegnungen zwischen Westmenschen und Ostmenschen - und dabei immer wieder die Freude und das dankbare Erstaunen darüber, daß „die da drüben" ja auch nichts anderes als Frieden wollen. In den Reihen der Kalten Krieger konnte man Ausnahmen entdecken. Einen Oberst der Luftwaffe zum Beispiel, der auf seine Karriere verzichtete, als er sich weigerte, Bomber zu fliegen - aus Sorge, er müsse im Ernstfall Ostdeutschland bombardieren. Statt dessen saß er in Aufklärer-Maschinen. Ein Hammer-und-Sichel-Abzeichen begleitete ihn als Talisman. Seine Freundin hatte ihm die Plakette aus Moskau mitgebracht. Die hatte auf dem Roten Platz sowjetische MiG-Piloten kennengelernt und von ihrem Liebsten in der Bundesrepublik erzählt. Da hatte einer der Männer das Abzeichen von seiner Mütze entfernt und der jungen Frau in die Hand gedrückt: „Für Ihren Mann. Sagen Sie ihm, bitte, daß wir Menschen sind, die den Frieden wollen."

Es hat wahrscheinlich wirklich so gewirkt: viele kleine Schritte von vielen Menschen über viele Jahre. Ohne dieses neue Netz des Vertrauens hätte der in sich zusammen-brechende Osten vielleicht doch noch zu einem letzten Verzweiflungsschlag gegen den Westen ausgeholt.

 

Heute denke ich manchmal: Wir, die Friedensbewegten, haben unsere -Lektion Gewaltfreiheit vielleicht zu gut gelernt. Die längste Zeit meines erwachsenen Lebens war ich davon überzeugt, daß es möglich sein muß, unter den Völkern, unter
Nachbarn, in der Familie über alles zureden und Konflikte zäh und friedlich auszuhandeln. Daß gegen Unbelehrbare - siehe Südafrika - allenfalls Wirtschaftssanktionen zum Einsatz kommen sollten. Vor allem habe ich geglaubt, daß es für jeden Konflikt eine Lösung gibt. Dieser Glauben ist mir abhanden ge-
kommen.

Den Wendepunkt brachte der Golfkrieg. Drei Jahre sind es her. Seit dem Golfkrieg ist es mir nicht mehr möglich, in einem großen Konflikt Standpunkt zu beziehen und mir gleichzeitig immer noch als edler Mensch vorzukommen. Nie zuvor habe ich mich politisch und moralisch so unwohl gefühlt wie während dieses Krieges. Plötzlich waren meine Ziele andere als die der meisten Menschen meiner Umgebung. Warst du krank? Wir haben dich nicht auf der Demo gesehen ...

Ein Zitat aus meinem Tagebuch am 18. Januar 1991: „Seit 30 Stunden Krieg am Golf. Als wir nach Ablauf des Ultimatums am 16. Januar zu Bett gingen, war klar:

Der Krieg kommt! Ich bin noch um Mitternacht am Dom gewesen, bei einer Mahnwache gegen den Krieg. Diese Ohnmacht. Der unaufhaltsame Wahn. Ich habe den
Druck kaum noch ausgehalten. - Um so irrtierender die Umbewertung, seit Saddam Hussein seine Drohung wahrgemacht und Raketen auf Israel abgefeuert hat. Die ersten Interviews mit Gasmasken. Wie mag es Joni und seiner Familie in Tel Aviv
gehen? Gas gegen Juden! So wird ein ganzes Volk noch mal in die Hölle seines Traumas geschickt. Nun da der Krieg da ist, kann ich nicht auf die Straße laufen und die Amerikaner anschreien: Aufhören! An erster Stelle steht bei mir: Ich will, daß die Juden leben. Ich will, daß die Amerikaner Israel vor diesem wahnsinnigen Iraker schützen!«

Das Ende des Krieges fand kaum Aufmerksamkeit. Es war wirklich seltsam. Der Frieden schlich lautlos herum wie ein Dieb. Keine Feier, und sei es eine Trauerfeier. Kein Ritual. Keine Dankbarkeit. Wem hätte die Friedensbewegung auch danken sollen? Den Amerikanern wohl kaum. Noch wochenlang sah man an den Häuserfassaden die ehemals weißen Laken, die zur Demonstration aus dem Fenster gehängt worden waren. Vergessene, grau gewordene Friedenslappen.

Ich schrieb einen Kommentar dazu: über die ungeheure Erschütterung, den allgemeinen Aufschrei, die Hektik, die den Kriegsbeginn begleiteten - und sein gespenstisch stilles Ende. Mir taten vor allem die Kinder leid, deren Angst so weit gegangen war zu glauben, der Krieg fände vor ihrer Haustür statt. Wenn sie von ihren friedensbewegten Eltern kein eindeutiges Signal der Entwarnung erhielten, würden sie nicht in ihrer Angst steckenbleiben ...? Der Kommentar wurde von dem Redakteur abgelehnt. Er war Pazifist und warf mir eine feindliche Haltung gegenüber der Friedensbewegung vor.

Nachher ist man immer klüger, sagt man. Ich bin es nicht, was den Krieg am Golf betrifft. Wenn dies ein gerechter Krieg war, was ich nicht glaube, ohne zu wissen, wie er hätte vermieden werden können, dann hat er doch eines noch mal deutlich gemacht: Es gibt ihn nicht, den Krieg ohne Kriegsverbrechen. Krieg führen heißt abschlachten.

Das zu begreifen war für mich als Pazifistin nie das Problem. Daß mir heute die Parole „Frieden schaffen ohne Waffen" im Balkankrieg nicht mehr so leicht über die Lippen geht, hat mit der Einsicht zu tun, daß im Kriegsfall andere Prioritäten gelten als bei Kriegsgefahr. Erst jetzt wird mir bewußt, in welchem Ausmaß ich, die Nachkriegsgeborene, in einer gewaltfreien Kultur gelebt habe. Gesellschaftliche Enge, staatliche Gängelung, strukturelle Gewalt, das alles gab es und gibt es heute noch. Aber man darf sich nicht täuschen, dies alles besteht in den Ländern, wo Tote und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind, noch obendrein. Für uns Westdeutsche, behaupte ich, war die Gewalt ausgelagert an Orte, wo sie uns nicht mehr tangierte: in Gefängnisse, Heime und Psychiatrien, jenseits des Eisernen Vorhangs, in Militärdiktaturen, in Kriegsregionen. Die Auseinandersetzung, wie Gewalt zu begrenzen sei, war in erster Linie eine akademische.

Statt dessen nun die Einsicht: Egal, wie ich mich entscheide, auch wenn ich mich aus allem heraushalte - immer hänge auch ich drin mit einem Rest schuldhafter Verstrickung. Quälend nur: nicht einmal meiner Ohnmacht bin ich mir sicher. Wenn ich hundertprozentig wüßte, man kann nichts machen, könnte ich mich damit arrangieren. Aber dieses Hin- und Hergerissensein, das ist das Schlimmste. Zum Beispiel, als Helmut Kohl im vergangenen Jahr forderte, man solle die Bosnier ein-
seitig mit Waffen versorgen. Das hatte ich auch schon gedacht, wieder verworfen und dann erneut gedacht, unter dem unmittelbaren Eindruck einer Fernsehdokumentation über das langsame, aber unausweichliche Sterben in Sarajevo. Das früher Undenkbare schien plötzlich möglich. Ich, die 68erin, Seite an Seite mit Helmut Kohl in einer Minderheiten-position! Allerdings dauerte der Zustand nur 24 Stunden. Den Balkankrieg mit einem zweiten Krieg zu beenden, dafür plädiert heute kaum jemand mehr. Am allerwenigsten die westeuropäischen Militärs. Im Unterschied zu den politischen Gruppierungen, die entscheidungslos verharrten, vertraten sie als einzige einen erkennbaren Standpunkt: Wir lassen uns nicht in ein militärisches Abenteuer schicken, solange das politische Ziel nicht klar formuliert ist. Wir brauchen ein Krisenmanagement mit einem verbindlichen Plan, in dem die politischen, die wirtschaftlichen und militärischen Kräfte zusammenwirken.

Für den Bosnien-Krieg ist es dafür zu spät. Der Zeitpunkt des militärischen Eingreifens ist verpaßt. Waffen als einziges Machtmittel hätten zu keiner Zeit ausgereicht. Ich will hier nicht in den Tonfall eines politischen Kommentars verfallen. Nur soviel, so schnell: Bürgerkriege, ethnische Konflikte werden immer häufiger. Wenn man nicht will, daß auf großen Teilen der Erde nur noch die Gruppierungen sich durchsetzen, die keinerlei Skrupel haben, ein ganzes Volk zu vertreiben oder abzuschlachten, braucht man Instrumente des Eingreifens, und dazu gehört auch Waffengewalt.

 

Die Formel „Nie wieder" macht mich zunehmend mißtrauisch. Auch die Formel: „Nie wieder Krieg". In meinem Fall war ein Besuch in Auschwitz nötig, vor einem Jahr, um die entscheidende Illusion zu verlieren - nämlich die, daß jeder Krieg zu jedem Zeitpunkt vermeidbar ist. Krieg war unvermeidbar, um Hitler-Deutschland, zu zerstören.

Ich glaube, wir brauchen eine Eingreiftruppe, und wir brauchen eine Polizei unter UN-Mandat. Ich weiß, die Erfahrungen des letzten Jahres mit Blauhelmeinsätzen sprechen dagegen. Dafür spricht, daß auch die UNO dazulernen kann. Nur wird diese Lösung alles andere als perfekt sein: Wenn Soldaten mit Friedensauftrag in einen Krieg einsteigen, werden auch sie töten. Etwas anderes zu erwarten ist blauäugig.

Manchmal denke ich: Daß Jesus Gewaltfreiheit predigte, war politisch das Sinnvollste, weil sein Land von einer hoch-gerüsteten Übermacht besetzt war. Aber nehmen wir mal an, er hätte zu einer anderen Zeit gelebt und wäre im Besitz von Waffen und Befehlshaber von Armeen gewesen: Hätte er tatenlos zugesehen, während ein ganzes Volk umgebracht wurde? Glaube ich nicht.

Das ist meine Kapitulation als ehemalige Pazifistin. Und dennoch - es ist paradox - kann ich die Utopie der Gewaltlosigkeit nicht aufgeben. Eine Sehnsucht, kein Dogma. Ohne dieses Vertrauen in die Zukunft kann ich offenbar nicht leben.

 



Letzte Aktualisierung am 18.04.2009